Der jährliche Check-up – jener ritualisierte 15-minütige Termin einmal im Jahr bei der Hausärztin oder dem Hausarzt – ist eine der hartnäckigsten Traditionen der amerikanischen Medizin. Nach der besten verfügbaren Evidenz ist er zugleich eine der am wenigsten wirksamen.

Das heißt nicht, dass Vorsorgemedizin nutzlos wäre. Es heißt, dass das Format nicht stimmt.

Was die Evidenz über jährliche Check-ups sagt

Die systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration (Krogsbøll 2019) wertete 17 randomisierte Studien aus, von denen 15 Ergebnisdaten zu 251.891 Erwachsenen lieferten. Das Ergebnis: Allgemeine Gesundheitschecks senkten weder die Gesamtsterblichkeit noch die kardiovaskuläre Sterblichkeit oder die Krebssterblichkeit. Sie führen möglicherweise zu mehr neuen Diagnosen (Evidenz geringer Vertrauenswürdigkeit) – und mehr Diagnosen ohne bessere Ergebnisse sind ein Kennzeichen von Überdiagnose.

Die Society of General Internal Medicine empfiehlt im Rahmen der „Choosing Wisely“-Kampagne gegen Leistungen mit geringem Nutzen, bei beschwerdefreien Erwachsenen keine routinemäßigen allgemeinen Gesundheitschecks durchzuführen. In Kanada kam die nationale Task Force zur periodischen Gesundheitsuntersuchung bereits 1979 zu dem Schluss, dass der routinemäßige jährliche Check-up zugunsten altersspezifischer Vorsorgemaßnahmen aufgegeben werden sollte.

Der jährliche Check-up hält sich nicht wegen der Evidenz, sondern wegen Tradition, Erwartungen der Patientinnen und Patienten, finanzieller Anreize der Versicherungen und des beruhigenden Rituals, „sich mal durchchecken zu lassen“.

Warum das Format das Problem ist

Der jährliche Check-up scheitert nicht, weil Vorsorge falsch wäre, sondern weil sein Format gute Vorsorge unmöglich macht:

  • Zu kurz: 15 Minuten reichen nicht, um eine gründliche Anamnese zu erheben, frühere Befunde durchzusehen, Risikofaktoren zu besprechen, sinnvoll zu untersuchen und ein echtes Gespräch über die Ergebnisse zu führen.
  • Für manches zu häufig, für anderes zu selten: Ein jährliches Lipidprofil ist überflüssig, wenn das letzte normal war. Eine Darmspiegelung (Koloskopie) alle 10 Jahre genügt, wenn keine Polypen gefunden werden. Der Blutdruck hingegen sollte regelmäßig gemessen werden – während einige der aussagekräftigsten Messungen, etwa die kardiorespiratorische Fitness (VO₂max), fast nie stattfinden.
  • Zu standardisiert: Alle erhalten dasselbe Laborpaket, unabhängig vom Risikoprofil. Eine 45-jährige Frau mit BRCA-Familienanamnese und ein 45-jähriger Mann ohne Risikofaktoren bekommen dasselbe Blutbild und dieselben Stoffwechselwerte.
  • Keine Gesamtschau: Selbst wenn beim Check-up etwas auffällt, ist die Weiterbetreuung zersplittert. Die Hausärztin überweist zum Facharzt. Der Facharzt veranlasst weitere Tests. Niemand führt das Gesamtbild zusammen.

Was an seine Stelle treten sollte

Die Evidenz spricht für ein anderes Modell: risikoangepasste Untersuchungen in sinnvollen Abständen, mit genug Zeit für Gründlichkeit und mit Tests, die zum individuellen Risikoprofil passen.

Für einen gesunden 40-Jährigen ohne familiäre Vorbelastung und mit unauffälligen Vorbefunden kann eine umfassende Untersuchung alle 3–5 Jahre wertvoller sein als 5 oberflächliche jährliche Termine. Für einen 55-Jährigen mit familiärer Häufung früher Herz-Kreislauf-Erkrankungen und metabolischem Syndrom ist eine gründliche Untersuchung jetzt – mit gezielter Kontrolle nach 6 Wochen und nach 12 Monaten – weit wirksamer als ein weiterer 15-Minuten-Check-up.

Die Frage ist nicht: „Sollte ich jedes Jahr zum Arzt gehen?“ Sondern: „Was sollte dort eigentlich passieren?“ Der jährliche Check-up beantwortet die erste Frage und übergeht die zweite.

Was eine bessere Gesundheitsuntersuchung enthalten sollte

Eine sinnvolle Untersuchung beginnt mit einer ausführlichen Anamnese einschließlich Familienanamnese und mit dem Blick auf frühere Befunde, damit Verläufe sichtbar werden. Tests sollten nach dem individuellen Risiko ausgewählt und nicht als festes Paket angeordnet werden, und jeder Befund sollte zusammen mit seinen Konsequenzen erklärt werden. Am Ende steht ein klares Kontrollintervall – Wochen bei einem konkreten Befund, einige Jahre bei den meisten gesunden Erwachsenen. Hilfreiche Fragen an die eigene Ärztin oder den eigenen Arzt: Welche Tests sind bei meinem Risikoprofil sinnvoll, welche nicht? Wie verhalten sich meine Werte zu früheren? Wann sollten wir wieder nachsehen, und warum? Qualität vor Häufigkeit.

Literatur

  1. Krogsbøll LT, Jørgensen KJ, Gøtzsche PC. General health checks in adults for reducing morbidity and mortality from disease. Cochrane Database Syst Rev. 2019;1:CD009009. PMID: 30699470.
  2. Mehrotra A, Prochazka A. Improving value in health care — against the annual physical. N Engl J Med. 2015;373(16):1485-1487.
  3. Choosing Wisely. Society of General Internal Medicine recommendations. 2013.
  4. Canadian Task Force on the Periodic Health Examination. The periodic health examination. Can Med Assoc J. 1979;121(9):1193-1254.
Prof. Dr. med. Markus Guba

Leiter des Bereichs Leberchirurgie und Transplantation am Klinikum der LMU München. Gibt dieses unabhängige Journal privat heraus; die Beiträge geben seine persönliche Auffassung wieder. Über →

Dieser Artikel ist eine allgemeine Information und keine individuelle ärztliche Beratung. Ob eine Untersuchung oder Behandlung für Sie sinnvoll ist, besprechen Sie am besten mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.