Jahrzehntelang gehörte die tägliche niedrig dosierte Aspirin-Tablette zu den vertrautesten Gewohnheiten der Lebensmitte. Sie war billig, rezeptfrei erhältlich und schien offensichtlich sinnvoll: Wenn Aspirin Blutgerinnsel verhindert und Gerinnsel Herzinfarkte und Schlaganfälle verursachen – warum es dann nicht schon vor dem ersten Ereignis nehmen? Dann veränderten im Jahr 2018 innerhalb weniger Wochen drei große Studien das Bild. Vier Jahre später revidierte die US Preventive Services Task Force ihre Empfehlung offiziell. Die Geschichte des Aspirins handelt von Blutungen und Nutzen – und davon, wie sich die Medizin selbst korrigiert, wenn bessere Evidenz vorliegt.

3große Studien 2018 (ASPREE, ARRIVE, ASCEND), über 47.000 Teilnehmende
8,6 vs. 6,2schwere Blutungen pro 1.000 Personenjahre, Aspirin vs. Placebo, bei Menschen ab 70 (ASPREE)
Grad DUSPSTF 2022: ab 60 kein Aspirin-Beginn zur Primärprävention
6,7 % vs. 8,2 %schwere Gefäßereignisse pro Jahr mit vs. ohne Aspirin nach Herzinfarkt oder Schlaganfall

Zwei sehr verschiedene Situationen

Alles in diesem Beitrag hängt an einer Unterscheidung. Sekundärprävention bedeutet, ein weiteres Ereignis bei jemandem zu verhindern, der bereits einen Herzinfarkt, einen ischämischen Schlaganfall, einen Stent oder eine Bypass-Operation hatte oder eine bekannte Arterienerkrankung hat. Primärprävention bedeutet, ein erstes Ereignis bei jemandem zu verhindern, auf den nichts davon zutrifft.

Die Antithrombotic Trialists' Collaboration (2009) führte individuelle Daten aus beiden Situationen zusammen. In der Sekundärprävention senkte Aspirin schwere Gefäßereignisse von 8,2 % auf 6,7 % pro Jahr – ein großer absoluter Nutzen. In der Primärprävention sank die Rate von 0,57 % auf 0,51 % pro Jahr: relativ 12 % weniger, absolut aber nur 0,06 Prozentpunkte. Gleichzeitig stiegen schwere Magen-Darm-Blutungen und andere Blutungen außerhalb des Gehirns von 0,07 % auf 0,10 % pro Jahr. Schon damals war die Bilanz bei Gesunden eine knappe Sache.

2018: drei Studien, eine Botschaft

ARRIVE

Lancet, August 2018

12.546 Menschen mit mittlerem Herz-Kreislauf-Risiko, Durchschnittsalter 64, Aspirin 100 mg oder Placebo über im Median fünf Jahre. Herz-Kreislauf-Ereignisse: 4,3 % vs. 4,5 % – kein signifikanter Unterschied. Magen-Darm-Blutungen: 0,97 % vs. 0,46 %, also etwa verdoppelt.

ASCEND

NEJM, August 2018

15.480 Menschen mit Diabetes, aber ohne Herz-Kreislauf-Erkrankung, beobachtet über 7,4 Jahre. Schwere Gefäßereignisse sanken von 9,6 % auf 8,5 % (relativ 12 % weniger), schwere Blutungen stiegen aber von 3,2 % auf 4,1 %. Pro 1.000 Menschen: etwa 11 verhinderte Ereignisse, etwa 9 verursachte schwere Blutungen. Krebs des Verdauungstrakts trat nicht seltener auf.

ASPREE

NEJM, September 2018

19.114 gesunde Menschen ab 70 Jahren (bei schwarzen und hispanischen Teilnehmenden ab 65), Altersmedian 74, beobachtet über 4,7 Jahre. Aspirin verlängerte das Überleben ohne Behinderung nicht und senkte Herz-Kreislauf-Ereignisse nicht signifikant (10,7 vs. 11,3 pro 1.000 Personenjahre). Schwere Blutungen stiegen von 6,2 auf 8,6 pro 1.000 Personenjahre. Unerwartet war die Gesamtsterblichkeit unter Aspirin höher (5,9 % vs. 5,2 %), getrieben durch Krebstodesfälle.

Warum sahen die älteren Studien besser aus? Ein Teil der wahrscheinlichen Antwort: Die Welt hat sich verändert. Weniger Menschen rauchen, viel mehr nehmen Statine und Blutdruckmedikamente – das Ausgangsrisiko, das Aspirin senken kann, ist also niedriger, das zusätzliche Blutungsrisiko aber nicht.

2022: Die Empfehlungen kehren sich um

2016 hatte die USPSTF Erwachsenen von 50 bis 59 Jahren mit einem 10-Jahres-Risiko von 10 % oder mehr empfohlen, niedrig dosiertes Aspirin zu beginnen – auch deshalb, weil man sich davon einen Schutz vor Darmkrebs versprach. Im April 2022 änderte sie nach Prüfung der neuen Evidenz den Kurs. Für Erwachsene von 40 bis 59 Jahren mit einem 10-Jahres-Risiko von 10 % oder mehr ist der Beginn nun eine individuelle Entscheidung mit kleinem Nettonutzen (Grad C). Ab 60 Jahren rät die Task Force davon ab, Aspirin zur Primärprävention zu beginnen (Grad D). Ihre gepoolten Schätzungen: etwa 12 % weniger nicht tödliche Herzinfarkte und ischämische Schlaganfälle, aber etwa 58 % mehr schwere Magen-Darm-Blutungen und etwa 31 % mehr Blutungen im Schädelinneren. Wer Aspirin bereits nimmt, kann ein Absetzen um das 75. Lebensjahr erwägen.

Europa hatte sich bereits früher bewegt. Die Präventionsleitlinie 2021 der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) hält fest, dass eine Thrombozytenhemmung bei niedrigem oder mittlerem Risiko wegen des erhöhten Risikos schwerer Blutungen nicht empfohlen wird (Klasse III). Bei Menschen mit Diabetes und hohem oder sehr hohem Herz-Kreislauf-Risiko kann niedrig dosiertes Aspirin erwogen werden, sofern keine klaren Gegenanzeigen bestehen (Klasse IIb).

Und der Darmkrebs?

Die Hoffnung, Aspirin könne Darmkrebs verhindern, war eines der stärksten Argumente für die Einnahme. Die USPSTF hält die Evidenz inzwischen für unzureichend: In der Women's Health Study hielt ein scheinbarer Effekt bei längerer Nachbeobachtung nicht an, und in ASPREE starben unter Aspirin mehr Menschen an Darmkrebs. Eine Nachbeobachtung von ASPREE aus dem Jahr 2026 über im Median 8,6 Jahre fand keinen Effekt auf die Krebshäufigkeit insgesamt (Hazard Ratio 0,98) oder auf Darmkrebs (1,01), wohl aber eine höhere Krebssterblichkeit (1,15). Gesunde ältere Menschen sollten Aspirin nicht zur Krebsvorbeugung einnehmen.

Die Medizin hat sich beim Aspirin nicht aus Nachlässigkeit geirrt. Sie handelte nach der besten verfügbaren Evidenz – und änderte ihre Empfehlung, als größere, bessere Studien an heutigen Patientinnen und Patienten eine andere Bilanz zeigten. Genau so soll evidenzbasierte Medizin funktionieren.

Wie sich die Medizin selbst korrigiert

Die Aspirin-Geschichte enthält mehrere Lehren. Ein plausibler Wirkmechanismus ist kein Beweis für Nutzen. Ältere Studien gelten womöglich nicht mehr für Bevölkerungen, deren Risiko sich inzwischen verändert hat. Relative Senkungen können winzige absolute Gewinne verdecken. Und Schäden, die für den Einzelnen selten sind – hier eine Blutung, dort eine Hirnblutung –, summieren sich, wenn Millionen gesunder Menschen ein Medikament nehmen. Die Kehrtwende war kein Versagen der Wissenschaft, sondern Wissenschaft, die so funktioniert, wie sie soll.

Nicht eigenmächtig absetzen

Wenn Sie Aspirin nehmen, weil Sie einen Herzinfarkt, Schlaganfall, Stent oder eine Bypass-Operation hatten oder eine bekannte Arterienerkrankung haben, ist die Evidenz für den Nutzen weiterhin stark. Setzen Sie es nicht ab, ohne mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin zu sprechen. Auch wenn Sie Aspirin zur Primärprävention nehmen, besprechen Sie ein Absetzen ärztlich, statt allein zu entscheiden.

Was das für Sie bedeutet

Fragen Sie sich – und Ihre Ärztin oder Ihren Arzt –, warum Sie Aspirin nehmen. Wenn Sie noch nie ein Herz-Kreislauf-Ereignis hatten, fragen Sie: Wie hoch ist mein 10-Jahres-Risiko? Wie hoch ist mein persönliches Blutungsrisiko? Würden ein Statin oder eine bessere Blutdruckeinstellung mit weniger Risiko mehr erreichen? Wenn Sie über 60 sind und keine Herz-Kreislauf-Erkrankung haben, wird ein Beginn mit Aspirin in der Regel nicht empfohlen.

Fazit

Niedrig dosiertes Aspirin bei bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung: empfohlen (Evidenz: ★★★ Hoch). Für Gesunde, besonders ab 60: nicht empfohlen als routinemäßige Primärprävention, weil Blutungen den kleinen Nutzen weitgehend aufheben (Evidenz: — Nicht empfohlen). Mögliche Ausnahmen bei jüngeren Menschen mit hohem Risiko und niedrigem Blutungsrisiko sind eine individuelle Entscheidung.

Literatur

  1. Antithrombotic Trialists' (ATT) Collaboration. Aspirin in the primary and secondary prevention of vascular disease: collaborative meta-analysis of individual participant data from randomised trials. Lancet. 2009;373(9678):1849-1860. doi:10.1016/S0140-6736(09)60503-1
  2. Gaziano JM, Brotons C, Coppolecchia R, et al. Use of aspirin to reduce risk of initial vascular events in patients at moderate risk of cardiovascular disease (ARRIVE): a randomised, double-blind, placebo-controlled trial. Lancet. 2018;392(10152):1036-1046. doi:10.1016/S0140-6736(18)31924-X
  3. ASCEND Study Collaborative Group; Bowman L, Mafham M, et al. Effects of aspirin for primary prevention in persons with diabetes mellitus. N Engl J Med. 2018;379(16):1529-1539. doi:10.1056/NEJMoa1804988
  4. McNeil JJ, Wolfe R, Woods RL, et al. Effect of aspirin on cardiovascular events and bleeding in the healthy elderly. N Engl J Med. 2018;379(16):1509-1518. doi:10.1056/NEJMoa1805819
  5. McNeil JJ, Nelson MR, Woods RL, et al. Effect of aspirin on all-cause mortality in the healthy elderly. N Engl J Med. 2018;379(16):1519-1528.
  6. US Preventive Services Task Force. Aspirin use to prevent cardiovascular disease: US Preventive Services Task Force recommendation statement. JAMA. 2022;327(16):1577. doi:10.1001/jama.2022.4983
  7. Visseren FLJ, Mach F, Smulders YM, et al. 2021 ESC Guidelines on cardiovascular disease prevention in clinical practice. Eur Heart J. 2021;42(34):3227-3337.
  8. Orchard SG, Polekhina G, Zalcberg J, et al. Cancer incidence and mortality with aspirin in older adults: follow-up of the ASPREE trial. JAMA Oncol. 2026;12(3):285-294. doi:10.1001/jamaoncol.2025.6196
Prof. Dr. med. Markus Guba

Leiter des Bereichs Leberchirurgie und Transplantation am Klinikum der LMU München. Gibt dieses unabhängige Journal privat heraus; die Beiträge geben seine persönliche Auffassung wieder. Über →

Dieser Artikel ist eine allgemeine Information und keine individuelle ärztliche Beratung. Ob eine Untersuchung oder Behandlung für Sie sinnvoll ist, besprechen Sie am besten mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.