Ein Bauchaortenaneurysma ist eine Aussackung der Hauptschlagader unterhalb des Zwerchfells. Es wächst langsam und still, meist ohne ein einziges Symptom – bis zu dem Tag, an dem es reißt. Ein rupturiertes Aneurysma gehört zu den tödlichsten Notfällen der Medizin. Dabei ist die Erkrankung leicht zu finden: wenige Minuten Ultraschall, keine Nadel, keine Strahlung. Seit 2018 bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen Männern ab 65 Jahren eine solche Untersuchung. Die Studienlage dahinter ist solide – doch sie stammt aus einer anderen Zeit, und neuere skandinavische Studien haben die Frage neu gestellt, wie viel das Screening heute noch bringt.
Wonach der Ultraschall sucht
Eine normale Bauchaorta ist etwa 2 bis 2,5 cm weit. Ab einem Durchmesser von 3 cm spricht man von einem Aneurysma. Gemessen wird der größte Durchmesser mit einem gewöhnlichen Bauchultraschall – eine einzige Zahl, von der fast alles Weitere abhängt.
Die Evidenz: vier Studien, ein klares Signal bei Männern
Ein Cochrane-Review fasste vier randomisierte Studien zusammen, überwiegend aus den 1990er-Jahren, mit knapp 128.000 Männern und 9.300 Frauen. Bei Männern senkte das Screening die Zahl der Todesfälle durch Aneurysmen um etwa 40 % (Odds Ratio 0,60). Der Preis: ungefähr doppelt so viele Aneurysma-Operationen. In der einzigen Studie, die auch Frauen einschloss, zeigte sich kein Nutzen.
Die größte Studie, die britische MASS-Studie, begleitete 67.770 Männer im Alter von 65 bis 74 Jahren über 13 Jahre. In der eingeladenen Gruppe gab es 224 aneurysmabedingte Todesfälle, in der Kontrollgruppe 381 – ein Rückgang um 42 %. Die Gesamtsterblichkeit sank um kleine, aber messbare 3 %. Um einen Aneurysma-Todesfall in 13 Jahren zu verhindern, mussten 216 Männer eingeladen werden. Über alle Studien hinweg schätzte die US Preventive Services Task Force (USPSTF), dass etwa 305 Männer gescreent werden müssen, um einen Aneurysma-Todesfall zu verhindern; die gepoolte Gesamtsterblichkeit veränderte sich nicht.
Dieselbe Evidenz, bezogen auf 1.000 Männer
Das offizielle Merkblatt des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) übersetzt die Studien in absolute Zahlen. Von 1.000 Männern ab 65 Jahren, die sich untersuchen lassen,
- haben etwa 980 kein Aneurysma;
- haben etwa 20 eines – 18 mit 3 bis 5,4 cm, die regelmäßig kontrolliert werden, und 2 mit 5,5 cm oder mehr, bei denen meist eine Operation empfohlen wird;
- sinkt über 13 Jahre die Zahl der Rupturen von etwa 7 auf etwa 4 und die Zahl der Aneurysma-Todesfälle von etwa 6 auf etwa 3;
- hätten von den 20 Männern mit dem Befund „Aneurysma“ etwa 10 nie Probleme dadurch bekommen.
Die letzte Zeile beschreibt die verborgenen Kosten: wiederholte Kontrollen, Sorgen – und für einige Männer eine Operation, die sie nicht gebraucht hätten.
Das Programm in Deutschland
Der G-BA beschloss am 20. Oktober 2016, das Ultraschall-Screening auf Bauchaortenaneurysmen in den Leistungskatalog aufzunehmen. Angeboten werden konnte es ab dem 1. Januar 2018. Gesetzlich versicherte Männer haben ab 65 Jahren Anspruch auf eine Untersuchung – einmal im Leben. Durchgeführt wird sie von Haus- und Fachärzten mit Ultraschall-Genehmigung der Kassenärztlichen Vereinigung. Frauen sind nicht eingeschlossen: Der G-BA fand keinen Anhaltspunkt für einen Nutzen bei Frauen, und die Erkrankung ist bei gleichaltrigen Frauen deutlich seltener.
Frauen, Raucher und die Sicht aus den USA
Rauchen ist der wichtigste beeinflussbare Risikofaktor für ein Aneurysma, und die US-Empfehlungen spiegeln das wider. In den USA empfiehlt die USPSTF (2019) ein einmaliges Screening für Männer von 65 bis 75 Jahren, die jemals geraucht haben (Grad B; meist definiert als mindestens 100 Zigaretten im Leben). Für Männer, die nie geraucht haben, wird es selektiv angeboten (Grad C). Für Frauen von 65 bis 75 Jahren, die geraucht haben oder ein Aneurysma in der Familie haben, gilt die Evidenz als unzureichend (Grad I). Für Frauen, die nie geraucht haben und keine familiäre Belastung aufweisen, rät die Task Force vom Screening ab (Grad D). Deutschland unterscheidet nicht nach Rauchstatus: Jeder Mann ab 65 ist anspruchsberechtigt. Außerhalb des Programms kann die Ärztin oder der Arzt einen Ultraschall veranlassen, wenn Risikofaktoren oder Beschwerden dies begründen – dazu zählt ein naher Verwandter mit Aneurysma (siehe Familienanamnese als diagnostischem Werkzeug).
Was bei einem Befund passiert
Die meisten im Screening entdeckten Aneurysmen sind klein, und die erste Antwort heißt beobachten, nicht operieren. Die Leitlinie 2024 der European Society for Vascular Surgery (ESVS) schlägt für Männer folgende Ultraschall-Intervalle vor:
- 2,5–2,9 cm (erweitert, aber noch kein Aneurysma): alle fünf Jahre
- 3,0–3,9 cm: alle drei Jahre
- 4,0–4,9 cm: jährlich
- ab 5,0 cm: alle sechs Monate
Bei Frauen, deren Aorta kleiner ist, werden die Abstände früher kürzer: jährlich ab 4,0 cm, halbjährlich ab 4,5 cm. Eine Behandlung – offene Operation oder eine über die Leistenarterien eingeführte Stentprothese – sollte bei Männern ab 5,5 cm erwogen werden (ESVS-Klasse IIa, Evidenzlevel C). Für Frauen bleibt die Schwelle für eine mögliche Behandlung bei 5,0 cm; darunter wird eine geplante Operation bei beschwerdefreien Frauen nicht empfohlen. Ebenso wichtig ist, was parallel zur Kontrolle geschieht: Die ESVS empfiehlt eine konsequente Behandlung der Herz-Kreislauf-Risikofaktoren einschließlich Rauchstopp.
Ein Warnzeichen, das nicht warten kann
Wer von einem Aneurysma weiß und plötzlich starke Schmerzen im Bauch, Rücken oder in der Flanke bekommt – besonders zusammen mit Schwäche oder Schwindel –, braucht sofort Notfallhilfe (Notruf 112).
Die Debatte: Schrumpft der Nutzen?
Die klassischen Studien schlossen Männer zu einer Zeit ein, als weit mehr geraucht wurde. Seitdem sind Aneurysmen seltener geworden. Eine schwedische Registerstudie fand, dass die Aneurysma-Sterblichkeit bei Männern von 65 bis 74 Jahren zwischen Anfang der 2000er-Jahre und 2015 von 36 auf 10 pro 100.000 sank – gleich schnell in Regionen mit und ohne Screening. Ihre Schätzung: etwa 2 vermiedene Aneurysma-Todesfälle pro 10.000 eingeladene Männer (mit einem Konfidenzintervall, das null einschloss), dem gegenüber 49 Überdiagnosen und 19 vermeidbare Operationen pro 10.000. Die Autoren führten den Rückgang vor allem auf weniger Rauchen zurück.
Zwei dänische Studien prüften breitere Pakete. VIVA lud 50.156 Männer von 65 bis 74 Jahren zu einem kombinierten Screening auf Aneurysma, periphere arterielle Verschlusskrankheit und Bluthochdruck ein. Nach rund fünf Jahren waren 10,2 % der Eingeladenen gestorben, gegenüber 10,8 % der Kontrollgruppe (Hazard Ratio 0,93); auf 169 gescreente Männer kam ein verhinderter Todesfall. DANCAVAS ging weiter und ergänzte bei 46.611 Männern unter anderem eine CT zur Messung des Koronarkalks. Der Rückgang der Gesamtsterblichkeit war statistisch nicht signifikant (Hazard Ratio 0,95; 95-%-KI 0,90–1,00), auch wenn Männer unter 70 offenbar profitierten (0,89). Keine der beiden Studien kann den Effekt des Aorten-Ultraschalls allein herausrechnen.
Die ESVS-Leitlinie 2024 spiegelt diesen Wandel. Sie verweist auf eine stark veränderte Epidemiologie, vor allem die sinkende Häufigkeit, und empfiehlt das Screening nun für Hochrisikogruppen (Klasse I), deren genaue Abgrenzung lokal festgelegt werden soll – statt pauschal für alle Männer mit 65.
Was das für Sie bedeutet
- Mann, ab 65, gesetzlich versichert: Sie haben Anspruch auf eine kostenlose Untersuchung. Fragen Sie in Ihrer Hausarztpraxis; oft wird sie mit dem Gesundheits-Check-up verbunden.
- Raucher oder ehemaliger Raucher: Ihr zu erwartender Nutzen ist größer. Von allem in diesem Beitrag schützt Sie der Rauchstopp am meisten.
- Frau, die geraucht hat, oder mit Eltern oder Geschwistern mit Aneurysma: Für Sie gibt es kein Screening-Programm, aber sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt über einen begründeten Ultraschall.
- Wenn ein Aneurysma gefunden wird, fragen Sie: Wie groß ist der Durchmesser genau? Wann ist die nächste Kontrolle, und wer veranlasst sie? Werden Blutdruck, Cholesterin und Rauchen behandelt? Ab welcher Größe würde über eine Behandlung gesprochen – und wo?
Fazit
Bei Männern ab 65 Jahren findet ein einmaliger Ultraschall Aneurysmen zuverlässig und senkt die Zahl der Todesfälle durch Rupturen – um den Preis einiger Überdiagnosen. Der Nutzen ist heute wahrscheinlich kleiner als in den ursprünglichen Studien, weil weniger Männer rauchen; am meisten zählt er für Raucher und ehemalige Raucher. Ein Routine-Screening von Frauen, die nie geraucht haben, wird nicht empfohlen. Evidenz: ★★★ Hoch (Männer, aneurysmabedingte Todesfälle) · — Nicht empfohlen (Frauen, die nie geraucht haben).
Literatur
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- US Preventive Services Task Force. Abdominal aortic aneurysm: screening. Final recommendation statement. 10 December 2019.
- Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA). Ultraschall-Screening auf Bauchaortenaneurysmen: Versicherteninformation (Merkblatt). 2017.
- Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA). Ultraschallscreening auf Bauchaortenaneurysmen für Männer ab 65 Jahren. Pressemitteilung, 20. Oktober 2016.
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Dieser Artikel ist eine allgemeine Information und keine individuelle ärztliche Beratung. Ob eine Untersuchung oder Behandlung für Sie sinnvoll ist, besprechen Sie am besten mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.