Wenn Sie schon einmal einen jährlichen Check-up hatten, sind Sie wahrscheinlich davon ausgegangen, dass er Sie gesünder macht. Die Annahme liegt nahe: Mehr Untersuchungen finden mehr Probleme, und das führt zu besseren Ergebnissen. Das Problem ist nur: Die umfangreichste verfügbare Evidenz sagt, dass das nicht stimmt.

2019 veröffentlichte die Cochrane Collaboration – der Goldstandard der evidenzbasierten Medizin – eine systematische Übersichtsarbeit zu allgemeinen Gesundheits-Check-ups. Die Autoren schlossen 17 randomisierte Studien ein; die 15 Studien mit auswertbaren Ergebnisdaten umfassten 251.891 Erwachsene. Die Ergebnisse waren eindeutig.

17Randomisierte Studien
251.000Teilnehmende
0 %Senkung der Sterblichkeit

Allgemeine Check-ups senkten die Gesamtsterblichkeit nicht. Sie senkten die kardiovaskuläre Sterblichkeit nicht. Sie senkten die Krebssterblichkeit nicht. Wovor die Autoren sehr wohl warnen: Systematische Check-ups können zu unnötigen Untersuchungen und Behandlungen führen – der klassische Weg zur Überdiagnose.

„General health checks are unlikely to be beneficial.“ („Allgemeine Gesundheits-Check-ups sind wahrscheinlich nicht von Nutzen.“) – Krogsbøll et al., Cochrane Database of Systematic Reviews, 2019

Wie kann das sein?

Es wirkt widersinnig. Ein Problem früh zu finden, muss doch besser sein, als es spät zu finden. Für gezielte, spezifische Früherkennungsuntersuchungen trifft das auch zu. Allgemeine Check-ups – bei denen ohne klare klinische Fragestellung ein breites Testpaket angeordnet wird – funktionieren jedoch anders, als die meisten annehmen.

Dafür gibt es drei Hauptgründe.

1. Die Untersuchungen, die zählen, sind bereits gezielt

Eine Früherkennungs-Darmspiegelung (Koloskopie) war in großen Beobachtungsstudien mit einer um etwa 68 % geringeren Darmkrebssterblichkeit verbunden. Statine senken schwere vaskuläre Ereignisse um etwa 22 % pro mmol/l LDL-Cholesterin-Senkung. Eine Blutdruckbehandlung senkt Ereignisse um 20 % pro 10 mmHg Senkung. Diese Maßnahmen wirken, weil sie gezielt auf bestimmte Erkrankungen in bestimmten Bevölkerungsgruppen ausgerichtet sind.

Ein allgemeiner Check-up, der ein weites Netz auswirft, fügt diesen bereits bewährten gezielten Untersuchungen selten etwas hinzu. Wenn Sie 55 sind, lauten Ihre gezielten Untersuchungen: Darmspiegelung, Blutfettwerte und Blutdruck. Zwölf weitere Tests verbessern Ihre Aussichten nicht – sie erhöhen nur die Wahrscheinlichkeit eines Fehlalarms.

2. Überdiagnose ist ein echter Schaden

Überdiagnose bedeutet, eine Erkrankung zu finden, die Ihnen nie Probleme bereitet hätte. Ein häufiges Beispiel sind Schilddrüsenknoten: Im Ultraschall finden sie sich bei etwa 20–70 % der Erwachsenen, und rund neun von zehn sind gutartig (Schilddrüsenkrebs findet sich bei etwa 7–15 % der abgeklärten Knoten). Wer bei allen die Schilddrüse untersucht, findet viele Knoten – und manche davon ziehen Biopsien, Ängste, Operationen und lebenslange Medikamenteneinnahme nach sich, alles wegen eines Befunds, der nie geschadet hätte.

Was „Schaden“ hier bedeutet

Überdiagnose ist nicht bloß lästig. Sie führt zu unnötigen Eingriffen mit realen Komplikationsraten, zu jahrelanger Sorge um Befunde, die nie eine Rolle gespielt hätten, und zu Kosten, die nichts als Beunruhigung bringen. Die Cochrane-Autoren warnen, dass systematische Check-ups zu unnötigen Untersuchungen und Behandlungen führen können, auch wenn die eingeschlossenen Studien Schäden meist nicht direkt erfassten.

3. Beschwerdefrei ≠ gesund, aber das Signal-Rausch-Verhältnis ist schlecht

Wenn Sie 10.000 beschwerdefreie Menschen auf eine Erkrankung untersuchen, die 100 von ihnen betrifft, brauchen Sie einen außerordentlich genauen Test, um nicht in falsch-positiven Befunden zu versinken. Die meisten Früherkennungstests sind nicht so genau. Die Rechnung geht nur auf, wenn man zuerst nach Risiko einteilt.

Was wirkt also?

Präventivmedizin ist nicht nutzlos – sie ist eines der wirksamsten Werkzeuge der Medizin. Der Cochrane-Review sagt nicht, dass Vorsorge sinnlos ist. Seine Ergebnisse sprechen dafür, dass sich ungezielte Vorsorge nicht auszahlt. Die Lösung heißt Risikostratifizierung: herausfinden, wer tatsächlich ein erhöhtes Risiko für bestimmte Erkrankungen hat, und bei genau diesen Menschen bewährte Maßnahmen einsetzen.

Die Evidenz für gezielte Präventivmedizin ist überwältigend:

  • Darmkrebs-Früherkennung (Darmspiegelung oder FIT; in den USA ab 45, in Deutschland ab 50 Jahren): etwa 50 % weniger Darmkrebs-Todesfälle bei den tatsächlich Untersuchten in der randomisierten NordICC-Studie; Beobachtungsstudien deuten auf bis zu etwa 68 % hin. Der Effekt der bloßen Einladung war kleiner.
  • Statintherapie bei hohem kardiovaskulärem Risiko: etwa 22 % weniger schwere vaskuläre Ereignisse pro 1 mmol/l LDL-Cholesterin-Senkung.
  • Blutdruckbehandlung: 20 % weniger kardiovaskuläre Ereignisse pro 10 mmHg Senkung.
  • Diabetesprävention durch Lebensstil (bei Prädiabetes): 58 % weniger Übergänge in einen Diabetes.
  • Lungenkrebs-Früherkennung mit Niedrigdosis-CT (Raucher mit hohem Risiko): 20 % weniger Todesfälle.
  • Mammographie (Frauen von 50 bis 74): 20–30 % weniger Todesfälle durch Brustkrebs.

Jede dieser Maßnahmen wirkt, weil sie bei den richtigen Menschen zum richtigen Zeitpunkt eingesetzt wird. So sieht evidenzbasierte Präventivmedizin tatsächlich aus.

Was ein besserer Check-up umfassen sollte

Die Lehre aus Cochrane lautet nicht, den Arztbesuch ausfallen zu lassen, sondern seinen Zweck zu ändern. Ein sinnvoller Check-up beginnt mit einer Frage – „Welches Risiko hat dieser Mensch tatsächlich?“ – und nicht mit einer Liste von Tests.

In der Praxis bedeutet das eine gezielte Risikoeinschätzung: eine strukturierte Anamnese einschließlich Familiengeschichte, Rauchen und Alkohol, Blutdruck und eine kurze Liste von Laborwerten wie Blutfetten und Blutzucker. Leitprinzip ist, dass jeder Test eine therapeutische Konsequenz haben sollte, wenn er auffällig ausfällt. Kann niemand sagen, was man mit dem Ergebnis anders machen würde, sollte der Test wahrscheinlich gar nicht erst angeordnet werden.

Weitere Schritte sollten sich dann aus dieser Einschätzung ergeben. Deuten Blutfette und Familiengeschichte auf ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko hin, kann ein genauerer Blick – etwa ein Koronarkalk-Score – sinnvoll sein. Wenn nicht, ist er überflüssig. Ab 50 ohne relevante Vorgeschichte gehört die Darmspiegelung, die nachweislich Leben rettet, auf die Liste. Frauen mit dichtem Brustgewebe kann ein ergänzender Ultraschall nützen, der Tumoren findet, die der Mammographie entgehen.

Ebenso wichtig ist, was ein guter Check-up weglässt: Tests, die eindrucksvoll wirken, aber nicht belegt sind. Routinemäßige Ganzkörper-MRT, NAD+-Infusionen, Telomer-Analysen oder Testosterontherapie bei normalen Werten haben in einer evidenzbasierten Vorsorge keinen Platz – ein Nutzen ist nicht belegt, und manche bergen echte Risiken oder erzeugen Zufallsbefunde, die weitere Untersuchungen nach sich ziehen.

Fragen an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt

  • Welche Früherkennungsuntersuchungen werden für mein Alter, mein Geschlecht und mein Risikoprofil empfohlen?
  • Was würden wir anders machen, wenn dieser Test auffällig ausfällt?
  • Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit eines Fehlalarms, und was würde die Abklärung bedeuten?
  • Gibt es Tests, die ich routinemäßig mache, aber eigentlich nicht brauche?

Das Fazit

Präventivmedizin wirkt – aber nur, wenn sie gezielt, nach Evidenz bewertet und mit klaren therapeutischen Konsequenzen verbunden ist. „Mehr Tests“ ist nicht die Antwort. „Die richtigen Tests für den richtigen Menschen“ ist es.

Der Cochrane-Review war ein Weckruf für die Präventivmedizin. Er zwang das Fach, eine schwierigere Frage zu stellen als „Was können wir messen?“. Die bessere Frage – die es wert ist, sie mit der eigenen Ärztin oder dem eigenen Arzt zu besprechen – lautet: Was verändert tatsächlich Ihre Aussichten?

Literatur

  1. Krogsbøll LT, Jørgensen KJ, Gøtzsche PC. General health checks in adults for reducing morbidity and mortality from disease. Cochrane Database of Systematic Reviews. 2019;1:CD009009.
  2. Nishihara R, Wu K, Lochhead P, et al. Long-term colorectal-cancer incidence and mortality after lower endoscopy. N Engl J Med. 2013;369(12):1095-1105.
  3. Cholesterol Treatment Trialists' (CTT) Collaboration. Efficacy and safety of more intensive lowering of LDL cholesterol: a meta-analysis of data from 170 000 participants in 26 randomised trials. Lancet. 2010;376(9753):1670-1681.
  4. Ettehad D, et al. Blood pressure lowering for prevention of cardiovascular disease and death. Lancet. 2016;387:957-967.
  5. Diabetes Prevention Program Research Group. Reduction in the incidence of type 2 diabetes with lifestyle intervention or metformin. N Engl J Med. 2002;346(6):393-403.
  6. National Lung Screening Trial Research Team. Reduced lung-cancer mortality with low-dose computed tomographic screening. N Engl J Med. 2011;365:395-409.
  7. Bretthauer M, et al. Effect of colonoscopy screening on risks of colorectal cancer and related death. N Engl J Med. 2022;387(17):1547-1556. doi:10.1056/NEJMoa2208375.
  8. Haugen BR, et al. 2015 American Thyroid Association management guidelines for adult patients with thyroid nodules and differentiated thyroid cancer. Thyroid. 2016;26(1):1-133.
Prof. Dr. med. Markus Guba

Leiter des Bereichs Leberchirurgie und Transplantation am Klinikum der LMU München. Gibt dieses unabhängige Journal privat heraus; die Beiträge geben seine persönliche Auffassung wieder. Über →

Dieser Artikel ist eine allgemeine Information und keine individuelle ärztliche Beratung. Ob eine Untersuchung oder Behandlung für Sie sinnvoll ist, besprechen Sie am besten mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.