Wenn es in der Medizin eine Vorsorgeuntersuchung gibt, die sich „lebensrettend“ nennen darf, dann ist es die Darmspiegelung (Koloskopie) zur Früherkennung von Darmkrebs. Die Datenlage ist umfangreich, und der Eingriff ist zugleich Diagnostik und Therapie: Krebsvorstufen (Polypen) können in derselben Sitzung gefunden und entfernt werden.
Und doch hat etwa ein Drittel der Amerikanerinnen und Amerikaner zwischen 45 und 75 Jahren noch nie irgendeine Darmkrebsfrüherkennung wahrgenommen.
Die Zahlen
Darmkrebs ist weltweit die zweithäufigste Krebstodesursache. Anders als die meisten Krebsarten entwickelt er sich jedoch langsam – meist über 10 bis 15 Jahre – in einer vorhersehbaren Abfolge: gesundes Gewebe → Polyp → fortgeschrittener Polyp → Krebs. Deshalb wirkt Früherkennung: Die Abfolge lässt sich Jahre vor der Krebsentstehung unterbrechen.
Die Winawer-Studie von 1993 zeigte, dass die Entfernung adenomatöser Polypen bei der Koloskopie die Darmkrebs-Neuerkrankungsrate im Vergleich zu Referenzgruppen um 76–90 % senkte. Die randomisierte NordICC-Studie (2022) ist nüchterner: Unter allen Eingeladenen (nur 42 % nahmen teil) sank die Darmkrebssterblichkeit nach 10 Jahren um nicht signifikante 10 %, unter den tatsächlich Untersuchten um etwa 50 %. Beobachtungsstudien berichten eine um rund 68 % niedrigere Darmkrebssterblichkeit.
Warum 45 – und wer früher beginnen sollte
Die USPSTF hat ihre Empfehlung 2021 aktualisiert und das Startalter für die Früherkennung von 50 auf 45 Jahre gesenkt. Hintergrund war ein besorgniserregender Trend: steigende Darmkrebsraten bei jüngeren Erwachsenen – die American Cancer Society berichtete seit 1994 einen Anstieg um 51 % bei unter 50-Jährigen. Die Regeln unterscheiden sich je nach Land: In Deutschland zahlt die gesetzliche Krankenversicherung die Vorsorge-Darmspiegelung für Frauen und Männer ab 50.
Manche Menschen sollten noch früher untersucht werden:
- Darmkrebs bei einem Verwandten ersten Grades vor dem 60. Lebensjahr: Beginn mit 40 oder 10 Jahre vor dessen Erkrankungsalter, falls früher
- Bekanntes Lynch-Syndrom: Beginn mit 20–25 Jahren; klassische familiäre adenomatöse Polyposis: Beginn etwa mit 10–12 Jahren
- Chronisch-entzündliche Darmerkrankung in der eigenen Vorgeschichte: Beginn 8 Jahre nach Diagnosestellung
Trifft einer dieser Punkte zu, lohnt es sich, das Thema mit der eigenen Ärztin oder dem eigenen Arzt lange vor dem regulären Startalter anzusprechen.
Wie die Untersuchung tatsächlich abläuft
Die meisten fürchten die Darmspiegelung, dabei ist der Eingriff unkompliziert. Sie kommen nüchtern, erhalten eine Sedierung (in Deutschland meist Propofol – Sie schlafen vollständig) und die Gastroenterologin oder der Gastroenterologe untersucht den Dickdarm mit einem flexiblen Endoskop. Der gesamte Eingriff dauert 20–30 Minuten. Werden Polypen gefunden, entfernt man sie in derselben Sitzung und schickt sie zur feingeweblichen (histopathologischen) Untersuchung.
Was die meisten wirklich als unangenehm empfinden, ist die Vorbereitung – das Trinken einer Abführlösung am Vortag. Das ist lästig – aber ein Nachmittag Unannehmlichkeit für eine Untersuchung, die Krebs verhindern kann, ist eine eindeutige Abwägung.
Werden keine Polypen gefunden, steht die nächste Darmspiegelung in der Regel nach 10 Jahren an. Werden Adenome gefunden, richtet sich das Intervall nach Anzahl, Größe und Histologie – nach US-Empfehlungen (2020) 7–10 Jahre bei ein oder zwei kleinen tubulären Adenomen, 3 Jahre bei fortgeschrittenen oder zahlreichen.
Fragen vor der Darmspiegelung
Wird der Eingriff von einer erfahrenen Fachärztin oder einem erfahrenen Facharzt für Gastroenterologie durchgeführt, und wie hoch ist deren Adenom-Detektionsrate? Welche Art von Sedierung wird verwendet? Werden Polypen in derselben Sitzung entfernt, und entstehen dafür zusätzliche Kosten? Wie und wann werden die Ergebnisse der feingeweblichen Untersuchung mitgeteilt – und wann ist auf dieser Grundlage die nächste Untersuchung fällig?
Literatur
- Winawer SJ, et al. Prevention of colorectal cancer by colonoscopic polypectomy. N Engl J Med. 1993;329:1977-1981.
- Bretthauer M, et al. Effect of colonoscopy screening on risks of colorectal cancer and related death (NordICC). N Engl J Med. 2022;387:1547-1556.
- Davidson KW, et al. Screening for colorectal cancer: US Preventive Services Task Force recommendation statement. JAMA. 2021;325(19):1965-1977.
- Nishihara R, et al. Long-term colorectal-cancer incidence and mortality after lower endoscopy. N Engl J Med. 2013;369(12):1095-1105.
- Rex DK, et al. Colorectal cancer screening: recommendations for physicians and patients from the U.S. Multi-Society Task Force on Colorectal Cancer. Am J Gastroenterol. 2017;112(7):1016-1030.
- Gupta S, et al. Recommendations for follow-up after colonoscopy and polypectomy: a consensus update by the US Multi-Society Task Force on Colorectal Cancer. Am J Gastroenterol. 2020;115(3):415-434.
- Rex DK, et al. Quality indicators for colonoscopy. Am J Gastroenterol. 2024;119:1754-1780.
- King SC, et al. Baseline estimates of colorectal cancer screening among adults aged 45 to 75 years, Behavioral Risk Factor Surveillance System, 2022. Prev Chronic Dis. 2025;22:250175.
Dieser Artikel ist eine allgemeine Information und keine individuelle ärztliche Beratung. Ob eine Untersuchung oder Behandlung für Sie sinnvoll ist, besprechen Sie am besten mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.