Kaum eine Früherkennungsuntersuchung wurde so heftig diskutiert wie die Mammographie. Befürworter verweisen auf gerettete Leben, Kritiker auf Frauen, die wegen Tumoren behandelt werden, die ihnen nie geschadet hätten. Beide Seiten haben in einem Punkt recht. Die Mammographie verhindert einige Todesfälle durch Brustkrebs – und sie findet auch Tumoren, die man nicht hätte finden müssen. Die sinnvolle Frage lautet daher nicht, ob das Screening „wirkt“, sondern wie groß jeder Effekt ist. Und die beantwortet man am besten in absoluten Zahlen.

Was das Screening leistet

2012 wertete ein in Großbritannien beauftragtes unabhängiges Gremium unter Vorsitz von Sir Michael Marmot elf randomisierte Studien aus. Die Einladung zum Screening senkte die Brustkrebssterblichkeit um etwa 20 % (relatives Risiko 0,80). Auf Großbritannien übertragen: Pro 10.000 Frauen, die ab 50 über 20 Jahre eingeladen werden, werden etwa 43 Brustkrebs-Todesfälle verhindert und etwa 129 Frauen überdiagnostiziert – rund drei Überdiagnosen pro verhindertem Todesfall. Das Gremium betonte, dass diese Schätzungen mit erheblicher Unsicherheit behaftet sind.

Die deutschen Zahlen, bezogen auf 1.000 Frauen

Die offizielle Entscheidungshilfe des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), gestützt auf Berichte des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), beschreibt es für 1.000 Frauen, die 25 Jahre lang regelmäßig teilnehmen, so:

  • ohne Screening sterben etwa 24 an Brustkrebs, mit Screening 16 bis 21 – es werden also 3 bis 8 Todesfälle verhindert;
  • 11 bis 15 Frauen erhalten eine Überdiagnose: einen Tumor, der zu Lebzeiten nie Beschwerden verursacht hätte, aber trotzdem behandelt wird;
  • in jeder Screening-Runde werden etwa 30 Frauen zur weiteren Abklärung eingeladen; bei 24 von ihnen bestätigt sich kein Krebs. Etwa die Hälfte der Frauen, die eine Gewebeprobe brauchen, hat keinen Brustkrebs;
  • bei etwa 2 von 1.000 wird trotz unauffälligem Befund in den zwei Jahren bis zur nächsten Einladung Brustkrebs festgestellt (Intervallkarzinome).
3–8Verhinderte Brustkrebs-Todesfälle pro 1.000 Frauen in 25 Jahren
11–15Überdiagnosen pro 1.000 Frauen in 25 Jahren
24 von 30Abklärungen pro Runde ohne Krebsbefund

Warum Überdiagnosen am schwersten zu begreifen sind

Ein falscher Alarm ist beängstigend, endet aber mit Entwarnung. Eine Überdiagnose ist etwas anderes: Der Tumor ist unter dem Mikroskop echt, wäre aber so langsam oder gar nicht gewachsen, dass er der Frau nie Probleme bereitet hätte. Keine Einzelne kann wissen, ob ihr Tumor dazugehört – deshalb wird jede Frau mit Diagnose behandelt. Zudem lässt das Screening Überlebensstatistiken besser aussehen, als sie sind, weil die Diagnose schlicht früher gestellt wird. Beide Effekte erklären wir in unserem Beitrag zu Überdiagnose und Vorlaufzeit-Verzerrung.

Das Programm in Deutschland

Das Mammographie-Screening-Programm lädt Frauen alle zwei Jahre zu einer Röntgenmammographie in zwei Ebenen in spezialisierte Screening-Einheiten ein; jede Aufnahme wird von zwei Fachärztinnen oder Fachärzten unabhängig voneinander befundet. Am 21. September 2023 hob der G-BA die obere Altersgrenze von 69 auf 75 Jahre an; dies gilt seit dem 1. Juli 2024, wobei Frauen von 70 bis 75 Jahren Termine zunächst selbst vereinbaren mussten, statt eingeladen zu werden. Nun bewegt sich auch die untere Grenze. Nachdem die Strahlenschutz-Verordnung im März 2026 geändert wurde, beschloss der G-BA am 15. Oktober 2026, das Einstiegsalter von 50 auf 45 Jahre zu senken. Beanstandet das Bundesgesundheitsministerium den Beschluss nicht, sollen Frauen von 45 bis 49 Jahren ab dem 1. August 2027 selbst Termine buchen können; persönliche Einladungen sollen ab Januar 2028 folgen.

Ab 40? Die Kluft zwischen USA und Europa

In den USA empfiehlt die USPSTF seit April 2024 eine Mammographie alle zwei Jahre von 40 bis 74 Jahren (Grad B). Ihre eigenen Modellrechnungen zeigen den Zielkonflikt: Ein Beginn mit 40 statt 50 verhindert über das Leben etwa 1,3 zusätzliche Brustkrebs-Todesfälle pro 1.000 Frauen (etwa 1,8 bei Schwarzen Frauen, die häufiger an Brustkrebs sterben), erhöht aber die falsch-positiven Befunde um rund 60 % und bringt etwa 2 zusätzliche Überdiagnosen pro 1.000. Die European Commission Initiative on Breast Cancer (ECIBC) rät mit 40–44 eher vom Screening ab, schlägt es mit 45–49 alle zwei bis drei Jahre vor, empfiehlt es mit 50–69 alle zwei Jahre und schlägt es mit 70–74 vor – bevorzugt alle drei Jahre.

Dichtes Brustgewebe

Dichtes Drüsengewebe erscheint auf der Mammographie weiß – wie Tumoren – und erhöht zugleich das Brustkrebsrisiko. Die niederländische DENSE-Studie lud 40.373 Frauen von 50 bis 75 Jahren mit extrem dichtem Gewebe und unauffälliger Mammographie zu einer zusätzlichen MRT ein. Die Intervallkarzinome sanken von 5,0 auf 2,5 pro 1.000 Untersuchungen. Bei den Frauen mit MRT wurden 16,5 Karzinome pro 1.000 gefunden, aber auch 79,8 falsch-positive Befunde pro 1.000 erzeugt. Ob das Todesfälle verhindert oder zusätzliche Überdiagnosen schafft, ist noch unbekannt. Die ECIBC rät deshalb von einer routinemäßigen Zusatz-MRT ab und tendiert eher zur Tomosynthese; die USPSTF hält die Evidenz für unzureichend. Das deutsche Programm selbst setzt nur die Mammographie ein; laut G-BA-Merkblatt ist unklar, ob außerhalb angebotener Ultraschall oder MRT die Brustkrebssterblichkeit senken.

Tomosynthese: mehr Tumoren gefunden – aber welche?

Die digitale Brust-Tomosynthese („3D-Mammographie“) erzeugt Schichtbilder der Brust. In der deutschen TOSYMA-Studie mit fast 100.000 Frauen von 50 bis 69 Jahren fand sie 7,1 invasive Karzinome pro 1.000, gegenüber 4,8 mit der digitalen Standardmammographie, ohne mehr Abklärungen. Offen ist, ob die zusätzlichen Tumoren gefährliche sind, die früher entdeckt werden, oder zusätzliche Überdiagnosen; Ergebnisse zu Intervallkarzinomen stehen noch aus. Die ECIBC spricht eine bedingte Empfehlung für die Tomosynthese aus, gestützt auf Evidenz sehr niedriger Vertrauenswürdigkeit.

Hohes familiäres Risiko: ein eigener Weg

Frauen mit einer BRCA1- oder BRCA2-Mutation, anderen relevanten Genveränderungen oder einem aufgrund der Familiengeschichte stark erhöhten Risiko brauchen mehr als das Standardprogramm. In Deutschland bieten die Zentren des Deutschen Konsortiums Familiärer Brust- und Eierstockkrebs eine intensivierte Früherkennung an: jährlich eine Brust-MRT mit Kontrastmittel, ab 40 Jahren alle ein bis zwei Jahre eine digitale Mammographie und Ultraschall je nach individuellem Risiko. Wenn mehrere Verwandte an Brust- oder Eierstockkrebs erkrankt sind, besonders in jungen Jahren, fragen Sie nach einer Überweisung – siehe Familienanamnese als diagnostisches Werkzeug.

Was das für Sie bedeutet

  • 50–75 Jahre, durchschnittliches Risiko: Die Teilnahme ist eine vernünftige Entscheidung – der Verzicht nach Abwägen der Zahlen ebenfalls. Lesen Sie die Entscheidungshilfe des G-BA, die der Einladung beiliegt.
  • 45–49 Jahre: Die Kassenleistung wird voraussichtlich ab August 2027 möglich. Bis dahin sprechen Sie mit Ihrer Frauenärztin oder Ihrem Frauenarzt über Ihr persönliches Risiko.
  • Dichtes Brustgewebe festgestellt: Fragen Sie, was das für Ihr Risiko bedeutet, ob zusätzliche Bildgebung etwas ändern würde – und wie viele Fehlalarme Sie dafür in Kauf nähmen.
  • Starke familiäre Belastung: Lassen Sie sich in einem spezialisierten Zentrum beraten, statt sich auf das Standardprogramm zu verlassen.
  • Jeder Knoten, jede Hautveränderung, jede Absonderung aus der Brustwarze gehört zügig abgeklärt – unabhängig davon, wann die letzte Mammographie war.

Die Vorsorge für Frauen hat ihre eigenen blinden Flecken; mehr dazu in unserem Beitrag zur Versorgungslücke bei Frauen.

Fazit

Die Mammographie alle zwei Jahre für Frauen von 50 bis 75 senkt die Brustkrebssterblichkeit moderat – um 3 bis 8 Todesfälle pro 1.000 Frauen in 25 Jahren – um den Preis von 11 bis 15 Überdiagnosen und vielen Fehlalarmen. Sie ist eine sinnvolle, aber zutiefst persönliche Entscheidung. Evidenz: ★★★ Hoch (Senkung der Sterblichkeit, 50–69 Jahre). Zusatz-MRT bei extrem dichtem Brustgewebe: ★ Vorläufig (weniger Intervallkarzinome, noch keine Daten zur Sterblichkeit).

Literatur

  1. Marmot MG, Altman DG, Cameron DA, Dewar JA, Thompson SG, Wilcox M. The benefits and harms of breast cancer screening: an independent review. Lancet. 2012;380(9855):1778-1786. doi:10.1016/S0140-6736(12)61611-0.
  2. Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA). Mammographie-Screening: Eine Entscheidungshilfe. Merkblatt zur Krebsfrüherkennungs-Richtlinie. Stand: Dezember 2024.
  3. Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA). Brustkrebs-Früherkennung: Altersgrenze für Mammographie-Screening wird auf 75 Jahre angehoben. Pressemitteilung, 21. September 2023.
  4. Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA). Mammographie-Screening künftig ab 45 Jahren. Pressemitteilung, 15. Oktober 2026.
  5. US Preventive Services Task Force. Breast cancer: screening. Final recommendation statement. 30 April 2024.
  6. European Commission Initiative on Breast Cancer (ECIBC). European guidelines on breast cancer screening and diagnosis: recommendations. Accessed October 2026.
  7. Bakker MF, et al.; DENSE Trial Study Group. Supplemental MRI screening for women with extremely dense breast tissue. N Engl J Med. 2019;381(22):2091-2102. doi:10.1056/NEJMoa1903986.
  8. Heindel W, et al. Digital breast tomosynthesis plus synthesised mammography versus digital screening mammography for the detection of invasive breast cancer (TOSYMA): a multicentre, open-label, randomised, controlled, superiority trial. Lancet Oncol. 2022;23(5):601-611. doi:10.1016/S1470-2045(22)00194-2.
  9. Deutsches Konsortium Familiärer Brust- und Eierstockkrebs. Intensivierte Früherkennung. konsortium-familiaerer-brustkrebs.de. Accessed October 2026.
Prof. Dr. med. Markus Guba

Leiter des Bereichs Leberchirurgie und Transplantation am Klinikum der LMU München. Gibt dieses unabhängige Journal privat heraus; die Beiträge geben seine persönliche Auffassung wieder. Über →

Dieser Artikel ist eine allgemeine Information und keine individuelle ärztliche Beratung. Ob eine Untersuchung oder Behandlung für Sie sinnvoll ist, besprechen Sie am besten mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.