Kaum ein Medikament hat in den letzten Jahren so viel öffentliche Aufmerksamkeit erregt wie Semaglutid – als Ozempic gegen Diabetes und als Wegovy zur Gewichtsabnahme im Handel. Die „Abnehmspritze“ ist zugleich ein kulturelles Phänomen, ein Gesprächsthema bei jeder Abendeinladung und ein echter medizinischer Durchbruch. Doch was zeigt die Evidenz tatsächlich – jenseits von Hype und Gegenreaktion?
Die Daten zur Gewichtsabnahme
Die STEP-Studien – die zulassungsrelevanten randomisierten kontrollierten Studien zu Semaglutid als Mittel zur Gewichtsreduktion – lieferten Ergebnisse, die es in der Adipositasmedizin so noch nicht gegeben hatte.
In STEP 1 (n = 1.961) verloren Teilnehmende unter wöchentlich 2,4 mg Semaglutid über 68 Wochen durchschnittlich 14,9 % ihres Körpergewichts, gegenüber 2,4 % in der Placebogruppe. Etwa ein Drittel verlor 20 % oder mehr des Körpergewichts – eine Größenordnung, die man zuvor vor allem nach bariatrischer Chirurgie sah.
Das sind keine bescheidenen Effekte. Bei einem Körpergewicht von 100 kg bedeutet das 15 kg Gewichtsverlust, gehalten über mehr als ein Jahr. Damals war keine Lebensstilintervention und kein früheres Medikament in einer randomisierten Studie auch nur in die Nähe gekommen. Inzwischen geht Tirzepatid, ein dualer GIP/GLP-1-Agonist, noch weiter: im Mittel etwa 21 % Gewichtsverlust in der höchsten Dosis in SURMOUNT-1.
Die kardiovaskulären Daten – die eigentlich größere Geschichte
Abnehmmedikamente hatten in der Vergangenheit oft Probleme mit der kardiovaskulären Sicherheit. Mehrere wurden vom Markt genommen, weil sie dem Herzen schadeten. Als die SELECT-Studie (n = 17.604) zeigte, dass Semaglutid schwere kardiovaskuläre Ereignisse bei übergewichtigen oder adipösen Erwachsenen mit bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung, aber ohne Diabetes um 20 % senkte, veränderte das die gesamte Debatte.
Das ist nicht nur ein Abnehmmedikament. Es ist ein Mittel zur Senkung des kardiovaskulären Risikos. Leitlinien greifen das bereits auf: Die ESC-Leitlinien 2024 zum chronischen Koronarsyndrom empfehlen, Semaglutid bei übergewichtigen oder adipösen Patienten ohne Diabetes zu erwägen (Klasse IIa).
Die Nebenwirkungen – eine ehrliche Bilanz
Semaglutid gibt es nicht umsonst. Die häufigsten Nebenwirkungen betreffen den Magen-Darm-Trakt: Übelkeit (44 % in STEP 1, gegenüber 17 % unter Placebo), Durchfall, Erbrechen und Verstopfung. Sie bessern sich meist innerhalb von Wochen, während die Dosis schrittweise gesteigert wird, bleiben bei manchen aber deutlich spürbar.
Bedenklicher sind die selteneren unerwünschten Ereignisse: Bauchspeicheldrüsenentzündung (Pankreatitis; selten, aber dokumentiert), Gallenblasenerkrankungen (Gewichtsverlust an sich ist ein Risikofaktor) und ein mögliches Signal für C-Zell-Tumoren der Schilddrüse in Tierstudien (Bedeutung für den Menschen unklar). Zudem gibt es Berichte über einen Verlust von Muskelmasse zusammen mit dem Fettabbau – ein echtes klinisches Problem, vor allem bei älteren Menschen, bei denen der Erhalt der Muskulatur entscheidend ist.
Das Rebound-Problem
Die Verlängerungsstudie zu STEP 1 zeigte, dass Personen, die Semaglutid absetzten, innerhalb eines Jahres etwa zwei Drittel des verlorenen Gewichts wieder zunahmen. Das ist keine Heilung von Adipositas – es ist eine Dauermedikation. Das sollte man vor Beginn verstanden haben.
Für wen eine GLP-1-Therapie infrage kommt
Nach heutiger Evidenz profitieren am eindeutigsten von GLP-1-Rezeptoragonisten:
- Menschen mit einem BMI ≥ 30 (oder ≥ 27 mit gewichtsbedingten Begleiterkrankungen), die mit Lebensstiländerungen allein nicht ausreichend abgenommen haben
- Menschen mit Typ-2-Diabetes – insbesondere mit Herz-Kreislauf-Erkrankung oder hohem kardiovaskulärem Risiko
- Menschen mit bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung und Übergewicht oder Adipositas (BMI ≥ 27) ohne Diabetes – die SELECT-Population
Sie sind nicht geeignet für Menschen, die aus rein kosmetischen Gründen ein paar Kilo verlieren wollen, für Bodybuilder auf der Suche nach einer Abkürzung oder für alle mit einem medullären Schilddrüsenkarzinom oder MEN2-Syndrom in der Vorgeschichte.
Ein vernünftiges Vorgehen
Der sinnvolle Ausgangspunkt ist nicht das Medikament, sondern das Stoffwechselbild. Insulinresistenz, Prädiabetes und metabolisches Syndrom lassen sich mit breit verfügbaren Messungen wie HOMA-IR, HbA1c, Triglyzeriden und Leberwerten erkennen – zusammen mit Gewicht, Taillenumfang und Blutdruck. Diese Befunde und die kardiovaskuläre Vorgeschichte entscheiden, ob eine GLP-1-Therapie überhaupt zur Diskussion steht.
Wenn ja, treffen Sie die Entscheidung gemeinsam mit Ihrer behandelnden Ärztin oder Ihrem behandelnden Arzt – idealerweise mit jemandem, der Erfahrung mit diesen Medikamenten hat, etwa aus der Endokrinologie, und die Dosissteigerung steuern, Nebenwirkungen überwachen und durch begleitendes Training den Erhalt der Muskelmasse unterstützen kann.
Ebenso bedeutet evidenzbasierte Praxis, das Medikament ohne klare medizinische Indikation nicht zu beginnen. Der gesellschaftliche Druck, diese Mittel zur kosmetischen Gewichtsabnahme einzusetzen, ist real – die Nebenwirkungen und die Rebound-Daten aber auch. Gute Verordnende empfehlen das Medikament, wenn die Evidenz es stützt, und sagen Nein, wenn nicht.
Fragen an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt
- Erfüllen mein BMI, meine Stoffwechselwerte und mein kardiovaskuläres Risiko die Kriterien der Studien?
- Wie werden Nebenwirkungen und Muskelmasse während der Dosissteigerung überwacht?
- Was ist der Plan, wenn ich absetze – oder wenn ich das Medikament dauerhaft brauche?
Literatur
- Wilding JPH, et al. Once-weekly semaglutide in adults with overweight or obesity (STEP 1). N Engl J Med. 2021;384:989-1002.
- Lincoff AM, et al. Semaglutide and cardiovascular outcomes in obesity without diabetes (SELECT). N Engl J Med. 2023;389(24):2221-2232.
- Wilding JPH, et al. Weight regain and cardiometabolic effects after withdrawal of semaglutide (STEP 1 extension). Diabetes Obes Metab. 2022;24(8):1553-1564.
- Jastreboff AM, et al. Tirzepatide once weekly for the treatment of obesity (SURMOUNT-1). N Engl J Med. 2022;387:205-216.
- Vrints C, et al. 2024 ESC Guidelines for the management of chronic coronary syndromes. Eur Heart J. 2024;45(36):3415-3537.
Dieser Artikel ist eine allgemeine Information und keine individuelle ärztliche Beratung. Ob eine Untersuchung oder Behandlung für Sie sinnvoll ist, besprechen Sie am besten mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.