Eine chronische Nierenerkrankung tut nicht weh. Sie macht weder müde noch verursacht sie Wassereinlagerungen – jedenfalls nicht, bevor sie weit fortgeschritten ist, und dann lässt sich verlorene Funktion oft nicht mehr zurückgewinnen. Dabei lässt sie sich Jahre früher mit zwei preiswerten Laborwerten erkennen: einem aus dem Blut, einem aus einer Urinprobe. Eine große deutsche Auswertung zeigt, wie oft diese Chance verpasst wird: Von fast 450.000 Risikopatientinnen und -patienten in Hausarztpraxen hatten nur 28,6 % genug Messwerte, um eine Nierenerkrankung festzustellen oder auszuschließen. Von denen, die die Kriterien erfüllten, hatten 83,5 % keine dokumentierte Diagnose. (Die InspeCKD-Auswertung wurde von AstraZeneca finanziert, einem Hersteller von Nierenmedikamenten.)

Zwei Säulen, nicht eine

Die erste Säule ist die geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR). Sie wird aus dem Kreatininwert im Blut – einem Abbauprodukt der Muskulatur – sowie Alter und Geschlecht berechnet und gibt an, wie viel Blut die Nieren pro Minute filtern (in ml/min pro 1,73 m² Körperoberfläche). Sie misst, wie gut die Nieren das Blut reinigen.

Die zweite Säule ist der Albumin-Kreatinin-Quotient im Urin (UACR), gemessen in einer einfachen Spontanurinprobe. Albumin ist ein Eiweiß, das gesunde Nierenfilter zurückhalten. Gelangt es in den Urin, sind die Filter geschädigt – oft lange bevor die eGFR sinkt. Eine Albuminurie ist zudem ein starker Marker für das Herz-Kreislauf-Risiko.

Die internationale KDIGO-Leitlinie (2024) definiert eine chronische Nierenerkrankung als Auffälligkeit von Nierenstruktur oder -funktion, die mindestens drei Monate besteht – etwa eine eGFR unter 60 oder einen UACR von 30 mg/g (3 mg/mmol) oder mehr. Sie empfiehlt, Menschen mit Risiko mit beiden Messungen zu untersuchen.

Die KDIGO-Risikomatrix

KDIGO teilt die Nierenerkrankung gleichzeitig auf zwei Achsen ein:

  • G-Stadien (eGFR): G1 ≥90 · G2 60–89 · G3a 45–59 · G3b 30–44 · G4 15–29 · G5 <15 (Nierenversagen)
  • A-Stadien (UACR): A1 <30 mg/g (normal bis leicht erhöht) · A2 30–300 mg/g (mäßig erhöht) · A3 >300 mg/g (stark erhöht)

Das so entstehende Raster ist von Grün (geringes Risiko) über Gelb und Orange bis Rot (sehr hohes Risiko) eingefärbt. Das Risiko steigt mit jedem Schritt auf jeder der beiden Achsen. Genau darum geht es beim Zwei-Test-Ansatz: Eine normale eGFR mit Albuminurie ist kein Normalbefund. Wer bei „G2 A2“ liegt, hat eine Nierenerkrankung; wer bei „G2 A1“ liegt und keine anderen Zeichen einer Nierenschädigung hat, nicht.

28,6 %Risikopatienten in deutschen Hausarztpraxen mit ausreichender Nierendiagnostik
83,5 %Mit erfüllten CKD-Kriterien, aber ohne dokumentierte Diagnose
19Behandelte über 2,4 Jahre, um ein schweres Nieren- oder Herz-Kreislauf-Ereignis zu verhindern (DAPA-CKD)

Wer untersucht werden sollte

KDIGO nennt Bluthochdruck, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen (einschließlich Herzschwäche) als wichtigste Gründe für eine Untersuchung. Weitere Risikofaktoren sind höheres Alter, Nierenerkrankungen in der Familie, genetische Risiken, ein früheres akutes Nierenversagen und die regelmäßige Einnahme nierenschädigender Medikamente, etwa häufiger Schmerzmittel. Bei Diabetes rät KDIGO zu jährlichen Tests – ab der Diagnose eines Typ-2-Diabetes und fünf Jahre nach Beginn eines Typ-1-Diabetes.

Die deutschen Empfehlungen sind weniger einheitlich. Die Nationale VersorgungsLeitlinie Typ-2-Diabetes (2023) unterstützt die Bestimmung von eGFR und UACR mindestens einmal jährlich. Die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM, 2019) empfiehlt bei Typ-2-Diabetes jährlich die eGFR, den UACR aber nur für ausgewählte Patienten – etwa bei schlecht eingestelltem Blutzucker oder Blutdruck ohne bisherige Therapie mit ACE-Hemmer oder Sartan. Ein routinemäßiges Screening von Erwachsenen ohne Risikofaktoren lehnt sie ab.

Warum die Albuminurie so oft übersehen wird

Kreatinin gehört zu fast jedem Routine-Blutbild, die eGFR erscheint also automatisch. Der UACR muss gezielt angefordert werden, und es braucht eine eigene Urinprobe. Eine frühere Teilauswertung der deutschen InspeCKD-Daten fand bei 45,5 % der Risikopatienten mindestens einen Kreatininwert, aber nur bei 0,4 % einen UACR. Ein einzelner erhöhter Wert reicht zudem nicht: KDIGO empfiehlt, einen UACR ab 30 mg/g durch Wiederholung zu bestätigen, weil Einzelwerte schwanken.

Kreatinin oder Cystatin C?

Weil Kreatinin aus der Muskulatur stammt, ist die kreatininbasierte eGFR bei extremem Körperbau am wenigsten verlässlich. Bei gebrechlichen älteren Menschen mit wenig Muskelmasse überschätzt sie die Nierenfunktion – mit der Folge, dass Medikamente zu hoch dosiert werden können. Cystatin C, ein Eiweiß, das fast alle Körperzellen bilden, hängt viel weniger von der Muskelmasse ab. KDIGO empfiehlt eine kombinierte Kreatinin-Cystatin-C-eGFR, wenn der kreatininbasierte Wert voraussichtlich ungenau ist (Grad 1C), und die Kombination immer dann, wenn Cystatin C verfügbar ist (Grad 1B).

Auch die Formeln selbst haben sich geändert. Ältere US-Formeln enthielten einen Korrekturfaktor für Schwarze Menschen; die 2021 veröffentlichten CKD-EPI-Gleichungen verzichten darauf, und KDIGO rät inzwischen, die Hautfarbe nicht zur Berechnung der eGFR heranzuziehen.

Warum es für Medikamente wichtig ist

Viele gängige Medikamente werden über die Nieren ausgeschieden. KDIGO empfiehlt, die Nierenfunktion bei der Dosierung solcher Mittel zu berücksichtigen. Für die meisten Menschen genügt die kreatininbasierte eGFR; bei Medikamenten mit geringer therapeutischer Breite oder unzuverlässigem Kreatininwert können die kombinierte Formel oder eine gemessene GFR nötig sein. Die eigene eGFR zu kennen, ist auch vor Kontrastmitteluntersuchungen und Operationen nützlich.

Früh erkennen verändert heute den Verlauf

Jahrzehntelang bedeutete eine frühe Nierenerkrankung kaum mehr als Blutdruckeinstellung. Das hat sich geändert. In DAPA-CKD erhielten 4.304 Patienten mit einer eGFR von 25–75 und einem UACR von 200–5.000 mg/g Dapagliflozin oder Placebo. Über median 2,4 Jahre trat der kombinierte Endpunkt aus starkem Funktionsverlust, Nierenversagen oder Tod aus renaler oder kardiovaskulärer Ursache bei 9,2 % gegenüber 14,5 % auf (Hazard Ratio 0,61). 19 Patienten mussten behandelt werden, um ein solches Ereignis zu verhindern, und die Todesfälle sanken von 6,8 % auf 4,7 %. EMPA-KIDNEY schloss 6.609 Patienten ein, darunter viele mit geringerer Albuminurie, und fand mit Empagliflozin einen ähnlichen Nutzen: 13,1 % gegenüber 16,9 % (Hazard Ratio 0,72), gleichermaßen bei Menschen mit und ohne Diabetes.

KDIGO 2024 empfiehlt diese SGLT2-Hemmer nun für Erwachsene mit chronischer Nierenerkrankung und einer eGFR ab 20, wenn der UACR bei 200 mg/g oder mehr liegt oder eine Herzschwäche besteht (Grad 1A); bei einer eGFR von 20–45 und geringerer Albuminurie werden sie vorgeschlagen (Grad 2B). Bei Albuminurie bleiben ACE-Hemmer oder Sartane ein Grundpfeiler. Doch in den deutschen InspeCKD-Daten erhielt nur etwa jeder zehnte Patient mit diagnostizierter Nierenerkrankung beide Wirkstoffklassen. Eine Behandlung kann nicht beginnen, wenn die Krankheit nie gefunden wird.

Was das für Sie bedeutet

  • Wenn Sie Bluthochdruck, Diabetes, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung oder Nierenerkrankungen in der Familie haben, bitten Sie um eGFR und Albumin-Kreatinin-Quotienten im Urin – nicht nur um „die Nierenwerte“.
  • Lassen Sie sich Ihr Ergebnis als Kategorie nennen, etwa „G2 A1“, und fragen Sie, in welchem Farbfeld der KDIGO-Matrix es liegt.
  • Ein auffälliger Wert sollte nach etwa drei Monaten wiederholt werden, bevor er als chronisch gilt. Ein Abfall der eGFR um mehr als 20 % oder eine Verdopplung des UACR zwischen zwei Messungen sollte laut KDIGO abgeklärt werden.
  • Wenn Sie sehr muskulös, sehr zierlich oder gebrechlich sind, fragen Sie, ob ein Cystatin-C-Test eine verlässlichere eGFR liefert.
  • Bringen Sie eine vollständige Medikamentenliste mit, einschließlich frei verkäuflicher Schmerzmittel, wenn die Nierenfunktion besprochen wird.

Hilfe beim Lesen von Laborbefunden bietet unser Beitrag Laborwerte richtig lesen; zur Diabetes-Diagnostik siehe HbA1c oder Nüchternglukose.

Fazit

Nierengesundheit braucht zwei Zahlen: die eGFR aus dem Blut und den Albumin-Kreatinin-Quotienten aus dem Urin. Wer Bluthochdruck, Diabetes oder eine Herz-Kreislauf-Erkrankung hat, sollte beide bestimmen lassen, bei Diabetes mindestens jährlich. Die Früherkennung zählt, weil SGLT2-Hemmer und RAS-Blocker das Fortschreiten heute nachweislich bremsen und Herz-Kreislauf-Ereignisse verringern. Evidenz: ★★★ Hoch (Nutzen der Behandlung bei nachgewiesener Nierenerkrankung mit Albuminurie; Testung von Risikogruppen empfohlen durch KDIGO 2024). Ein Routine-Screening von Erwachsenen ohne Risikofaktoren wird von der deutschen Allgemeinmedizin nicht empfohlen.

Literatur

  1. Kidney Disease: Improving Global Outcomes (KDIGO) CKD Work Group. KDIGO 2024 clinical practice guideline for the evaluation and management of chronic kidney disease. Kidney Int. 2024;105(4S):S117-S314.
  2. Inker LA, Eneanya ND, Coresh J, et al. New creatinine- and cystatin C-based equations to estimate GFR without race. N Engl J Med. 2021;385(19):1737-1749. doi:10.1056/NEJMoa2102953.
  3. Wanner C, Schaeffner E, Frese T, et al. InspeCKD: an analysis of the prevalence, diagnosis, and treatment of chronic kidney disease: data from at-risk patients in German primary care. Inn Med (Heidelb). 2025;66(10):1087-1099. doi:10.1007/s00108-025-01958-6.
  4. Kellerer M, Wanner C. Kidney diseases in type 2 diabetes mellitus: overview and implementation of guidelines, position papers and practical recommendations for diagnostics and monitoring. Inn Med (Heidelb). 2023;64(12):1211-1217. doi:10.1007/s00108-023-01610-1.
  5. Heerspink HJL, et al. Dapagliflozin in patients with chronic kidney disease. N Engl J Med. 2020;383(15):1436-1446. doi:10.1056/NEJMoa2024816.
  6. The EMPA-KIDNEY Collaborative Group. Empagliflozin in patients with chronic kidney disease. N Engl J Med. 2023;388(2):117-127. doi:10.1056/NEJMoa2204233.
Prof. Dr. med. Markus Guba

Leiter des Bereichs Leberchirurgie und Transplantation am Klinikum der LMU München. Gibt dieses unabhängige Journal privat heraus; die Beiträge geben seine persönliche Auffassung wieder. Über →

Dieser Artikel ist eine allgemeine Information und keine individuelle ärztliche Beratung. Ob eine Untersuchung oder Behandlung für Sie sinnvoll ist, besprechen Sie am besten mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.