Wenn Ihre Ärztin oder Ihr Arzt den Blutzucker kontrolliert, wird meist einer von zwei Tests veranlasst: der Nüchternblutzucker oder der HbA1c. Manche bestimmen beide. Die meisten nur einen. Die Frage ist, ob einer genügt – und die Antwort lautet, wenn es darum geht, Stoffwechselprobleme früh zu erkennen: nein.

Was jeder Test misst

Der Nüchternblutzucker ist eine Momentaufnahme. Er zeigt, wie hoch Ihr Blutzucker genau jetzt ist, nach mindestens 8 Stunden ohne Nahrung. Normal sind Werte unter 100 mg/dL. Zwischen 100 und 125 spricht man von Prädiabetes. Ab 126 von Diabetes.

Der HbA1c (glykiertes Hämoglobin, auch „Langzeitblutzucker“) ist ein Dreimonatsmittel. Er misst den Anteil der Hämoglobinmoleküle, an die Glukose dauerhaft gebunden ist. Weil rote Blutkörperchen etwa 3 Monate leben, spiegelt der HbA1c Ihren durchschnittlichen Blutzucker über diesen gesamten Zeitraum wider. Normal sind Werte unter 5,7 %. Zwischen 5,7 % und 6,4 % spricht man von Prädiabetes. Ab 6,5 % von Diabetes. Für die Diagnose Diabetes braucht es in der Regel die Bestätigung durch einen zweiten auffälligen Wert.

Beide Tests sind nützlich. Jeder allein hat blinde Flecken.

Wo der Nüchternblutzucker versagt

Der Nüchternblutzucker wird zu einem einzigen Zeitpunkt gemessen. Ihr Blutzucker um 7 Uhr an einem Dienstag hängt davon ab, was Sie am Vorabend gegessen haben, wie gut Sie geschlafen haben, wie gestresst Sie sind, ob Sie am Vortag Sport getrieben haben und ob Ihre Leber über Nacht eine größere Menge gespeicherter Glukose freigesetzt hat (das „Dawn-Phänomen“).

Ein Mensch mit beginnender Insulinresistenz kann an einem Tag einen Nüchternblutzucker von 92 haben und am nächsten 108. Das erste Ergebnis ist „normal“, das zweite „Prädiabetes“. Derselbe Mensch, derselbe Stoffwechsel – nur biologisches Rauschen.

Der Nüchternblutzucker übersieht außerdem die postprandiale Hyperglykämie – die Blutzuckerspitzen nach den Mahlzeiten. Manche Menschen haben einen normalen Nüchternblutzucker, reagieren aber auf Essen mit stark auffälligen Blutzuckerkurven. Das kann der Nüchternwert nicht erfassen.

Wo der HbA1c versagt

Der HbA1c glättet das Rauschen, für das der Nüchternblutzucker anfällig ist – das ist seine Stärke. Doch er hat eigene blinde Flecken.

Irreführend sein kann der HbA1c bei Erkrankungen, die die Lebensdauer der roten Blutkörperchen beeinflussen: Eisenmangelanämie (fälschlich hoher HbA1c), Hämolyse oder Blutverlust (meist fälschlich niedriger HbA1c), Hämoglobinvarianten (häufig bei Menschen afroamerikanischer, mediterraner und südostasiatischer Herkunft), kürzliche Bluttransfusionen oder chronische Nierenerkrankung.

Auch frühe Störungen kann er übersehen. Weil der HbA1c ein Mittelwert ist, verändern kurze Blutzuckerspitzen nach dem Essen ihn kaum, sodass er in frühen Stadien noch normal aussehen kann.

Warum beide – plus Insulin – sinnvoll sind

Eine gründliche Stoffwechseldiagnostik umfasst deshalb Nüchternblutzucker, HbA1c und Nüchterninsulin. Der dritte Marker ist der, den die meisten Standard-Check-ups auslassen – und er liefert möglicherweise das früheste Signal.

Das Nüchterninsulin, zusammen mit dem Nüchternblutzucker zur Berechnung des HOMA-IR, spiegelt eine Insulinresistenz wider. In der Whitehall-II-Studie nahm die Insulinempfindlichkeit bereits in den fünf Jahren vor der Diabetesdiagnose deutlich ab, während der Nüchternblutzucker erst in den letzten drei Jahren steil anstieg. Die Einschränkung: Insulin-Messverfahren sind nicht gut standardisiert, es gibt keinen allgemein anerkannten HOMA-IR-Grenzwert, und Diabetes-Leitlinien empfehlen ihn nicht für das Routine-Screening.

Zusammen decken die drei Marker unterschiedliche Zeiträume und unterschiedliche Schwachstellen ab:

  • Nüchterninsulin/HOMA-IR: Jahre vor der Diagnose. Kann auf das früheste Stadium einer Stoffwechselstörung hinweisen.
  • HbA1c: Monate −3 bis heute. Erkennt anhaltend erhöhte Blutzuckerwerte. Erfasst, was der Nüchternblutzucker an einem schlechten Tag übersieht.
  • Nüchternblutzucker: jetzt. Liefert das diagnostische Standardkriterium und zeigt akute Veränderungen.

Wenn bei Ihrer letzten Untersuchung nur einer dieser Werte bestimmt wurde, ist es sinnvoll, mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt zu besprechen, ob die anderen für Sie hinzukommen sollten.

Unterm Strich

Nüchternblutzucker und HbA1c haben jeweils blinde Flecken; zusammen erfassen sie mehr als jeder Wert allein. Das Nüchterninsulin kann einen frühen Hinweis auf eine Insulinresistenz geben, ist aber kein von Leitlinien empfohlener Screeningtest. Welche Kombination für Sie sinnvoll ist, besprechen Sie am besten mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Literatur

  1. American Diabetes Association Professional Practice Committee. 2. Diagnosis and classification of diabetes: Standards of Care in Diabetes—2025. Diabetes Care. 2025;48(Suppl 1):S27-S49.
  2. Tabák AG, et al. Trajectories of glycaemia, insulin sensitivity, and insulin secretion before diagnosis of type 2 diabetes: an analysis from the Whitehall II study. Lancet. 2009;373(9682):2215-2221.
  3. Herman WH, et al. Differences in A1C by race and ethnicity among patients with impaired glucose tolerance in the Diabetes Prevention Program. Diabetes Care. 2007;30(10):2453-2457.
Prof. Dr. med. Markus Guba

Leiter des Bereichs Leberchirurgie und Transplantation am Klinikum der LMU München. Gibt dieses unabhängige Journal privat heraus; die Beiträge geben seine persönliche Auffassung wieder. Über →

Dieser Artikel ist eine allgemeine Information und keine individuelle ärztliche Beratung. Ob eine Untersuchung oder Behandlung für Sie sinnvoll ist, besprechen Sie am besten mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.