Das metabolische Syndrom ist keine einzelne Krankheit. Es ist ein Bündel aus fünf miteinander verknüpften Risikofaktoren, die gemeinsam das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall, Typ-2-Diabetes und vorzeitigen Tod drastisch erhöhen. Etwa 35 % der Erwachsenen in den USA erfüllten nach nationalen Erhebungsdaten von 2011–2016 die Kriterien. Viele wissen es nicht.
Die fünf Kriterien
Ein metabolisches Syndrom liegt vor, wenn mindestens drei dieser fünf Kriterien erfüllt sind:
- Bauchumfang: ≥102 cm bei Männern, ≥88 cm bei Frauen (Schwellenwerte der USA; für Menschen europäischer Herkunft lässt die internationale Definition auch niedrigere Grenzwerte von ≥94 cm und ≥80 cm zu)
- Triglyceride: ≥150 mg/dL (oder Medikamente gegen erhöhte Triglyceride)
- HDL-Cholesterin: <40 mg/dL bei Männern, <50 mg/dL bei Frauen
- Blutdruck: ≥130/85 mmHg (oder blutdrucksenkende Medikamente)
- Nüchternblutzucker: ≥100 mg/dL (oder Medikamente gegen erhöhten Blutzucker)
Jedes dieser Kriterien ist für sich ein Risikofaktor. Zusammen sind sie aber mehr als die Summe ihrer Teile. Ein metabolisches Syndrom verdoppelt das Herz-Kreislauf-Risiko ungefähr und erhöht das Diabetesrisiko etwa um das Fünffache im Vergleich zu Menschen ohne das Syndrom.
Warum das Muster mehr zählt als einzelne Werte
Die Stärke der Diagnose liegt in der Mustererkennung. Ein Nüchternblutzucker von 105, Triglyceride von 170, ein HDL von 38 und ein Bauchumfang von 106 cm – jeder dieser Werte ist für sich „grenzwertig“. Keiner würde allein eine konsequente Behandlung auslösen. Zusammen aber ergeben sie ein Muster, das sagt: Dieser Mensch hat eine Insulinresistenz, und seine Herz-Kreislauf-Uhr tickt schneller, als die einzelnen Werte vermuten lassen.
Die eigentliche Ursache ist in den meisten Fällen die Insulinresistenz. Das viszerale Fett um die Organe bildet entzündungsfördernde Zytokine, stört den Fettstoffwechsel, erhöht den Blutdruck und überfordert schließlich die Fähigkeit der Bauchspeicheldrüse, gegenzusteuern. Das metabolische Syndrom ist in vieler Hinsicht die äußere Erscheinungsform dessen, was der HOMA-IR im Inneren misst.
Ein Mensch mit metabolischem Syndrom und lauter „grenzwertigen“ Werten hat ein höheres Risiko, als jeder Einzelwert vermuten lässt – mitunter ein höheres als jemand mit einem einzigen mäßig erhöhten Wert und sonst normalen Befunden. Es zählt das Muster, nicht nur der Einzelwert.
Warum Standard-Check-ups es übersehen
Für die Diagnose müssen alle fünf Komponenten gemessen und als Gesamtbild beurteilt werden. Die meisten Standarduntersuchungen erfassen Blutdruck und Nüchternblutzucker – aber nicht unbedingt Triglyceride und HDL (manche Laborprofile enthalten nur das Gesamtcholesterin), der Bauchumfang wird selten gemessen, und selbst wenn alle Werte vorliegen, betrachtet die Ärztin oder der Arzt womöglich jeden einzeln und sagt „alles grenzwertig, aber in Ordnung“, statt das Muster zu erkennen.
Was eine gründliche Untersuchung umfasst
Ein metabolisches Syndrom zu erfassen, ist nicht kompliziert: Alle fünf Kriterien ergeben sich aus Maßband, Blutdruckmanschette und einer normalen Nüchtern-Blutabnahme. Manche Ärztinnen und Ärzte ergänzen den HOMA-IR, der die zugrunde liegende Insulinresistenz noch früher erkennen kann. Eine Analyse der Körperzusammensetzung kann zusätzlich das viszerale Fett abschätzen, das eng mit dem Stoffwechselrisiko zusammenhängt.
Sind drei oder mehr Kriterien erfüllt – oder zeigt sich eine Insulinresistenz auch ohne formales metabolisches Syndrom –, ist ein genauerer Blick auf die am stärksten betroffenen Organe ein sinnvoller nächster Schritt: ein Ultraschall des Bauches zur Beurteilung einer Fettleber, eine präzise Messung der Körperzusammensetzung etwa per DEXA und ein erweitertes Lipidprofil. Am wichtigsten ist ein strukturierter Plan, der gezielt an den festgestellten Auffälligkeiten ansetzt. Fragen, die Sie Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt stellen können:
- Erfüllen meine Werte drei oder mehr der fünf Kriterien?
- Wurde mein Bauchumfang gemessen, und kenne ich meine HDL- und Triglyceridwerte – nicht nur das Gesamtcholesterin?
- Wären ein Leberultraschall oder weitere Untersuchungen in meinem Fall sinnvoll?
Die gute Nachricht
Das metabolische Syndrom lässt sich durch Änderungen des Lebensstils oft zumindest teilweise zurückbilden – besonders, wenn es früh erkannt wird. Das Diabetes Prevention Program zeigte, dass eine moderate Gewichtsabnahme (7 %) und 150 Minuten Bewegung pro Woche das Fortschreiten zum Diabetes bei Menschen mit Prädiabetes um 58 % senkten. In derselben Studie senkte das Lebensstilprogramm die Zahl neuer Fälle von metabolischem Syndrom um 41 %, und dessen Häufigkeit sank innerhalb von drei Jahren von 53 % auf 43 %, während sie unter Placebo von 55 % auf 61 % stieg. Das Schwierige ist nicht die Behandlung – sondern zu wissen, dass man sie braucht.
Literatur
- Alberti KGMM, et al. Harmonizing the metabolic syndrome: a joint interim statement of the International Diabetes Federation Task Force on Epidemiology and Prevention; National Heart, Lung, and Blood Institute; American Heart Association; World Heart Federation; International Atherosclerosis Society; and International Association for the Study of Obesity. Circulation. 2009;120(16):1640-1645.
- Mottillo S, et al. The metabolic syndrome and cardiovascular risk: a systematic review and meta-analysis. J Am Coll Cardiol. 2010;56(14):1113-1132.
- Diabetes Prevention Program Research Group. Reduction in the incidence of type 2 diabetes with lifestyle intervention or metformin. N Engl J Med. 2002;346(6):393-403.
- Orchard TJ, et al. The effect of metformin and intensive lifestyle intervention on the metabolic syndrome: the Diabetes Prevention Program randomized trial. Ann Intern Med. 2005;142(8):611-619.
Dieser Artikel ist eine allgemeine Information und keine individuelle ärztliche Beratung. Ob eine Untersuchung oder Behandlung für Sie sinnvoll ist, besprechen Sie am besten mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.