Vitamin-D-Mangel ist in Mittel- und Nordeuropa so verbreitet, dass die Bezeichnung „Epidemie“ kaum übertrieben ist. Europaweit haben etwa 40 % der Menschen Werte unter 20 ng/ml (50 nmol/l) und etwa 13 % unter 12 ng/ml (30 nmol/l). In Deutschland lagen laut der nationalen Gesundheitsstudie etwa 60 % der Erwachsenen unter 20 ng/ml und etwa 30 % unter 12 ng/ml, mit den niedrigsten Werten im Winter und Frühjahr.

Trotzdem gehört Vitamin D zu den am meisten missverstandenen Nährstoffen. Die Wellnessbranche hat seine Bedeutung über das hinaus aufgebläht, was die Evidenz hergibt, während die konventionelle Medizin es oft zu leichtfertig abgetan hat. Hier ist, was tatsächlich bekannt ist.

Was Vitamin D bewirkt – und was nicht

Am klarsten ist die Evidenz für Vitamin D bei der Knochengesundheit, mit einem kleineren, aber realen Signal bei Atemwegsinfekten. Ein schwerer Mangel verursacht bei Kindern Rachitis und bei Erwachsenen Osteomalazie. Niedrige Spiegel gehen mit geringer Knochendichte und Frakturen einher. Ob Supplemente Frakturen verhindern, ist jedoch weniger klar als oft behauptet: In der VITAL-Studie senkten 2.000 IE täglich die Frakturrate bei weitgehend gesunden Erwachsenen, die nicht wegen eines Mangels oder einer Osteoporose ausgewählt worden waren, nicht. Viele Studien an älteren Menschen kombinierten Vitamin D mit Calcium, sodass sich die Wirkung von Vitamin D allein schwer abgrenzen lässt.

Für die Immunfunktion ist die Evidenz bescheidener. Vitamin D spielt eine belegte Rolle bei der Regulation der angeborenen Immunabwehr. Ein Mangel geht mit einer erhöhten Anfälligkeit für Atemwegsinfekte einher. Eine große Metaanalyse individueller Patientendaten von 2017 ergab, dass eine Supplementierung akute Atemwegsinfekte insgesamt um etwa 12 % verringerte – und um etwa 70 % bei Menschen mit schwerem Mangel (unter 10 ng/ml), die tägliche oder wöchentliche Dosen einnahmen. Die Leitlinie der Endocrine Society von 2024 bewertet die Evidenz für die Vorbeugung von Atemwegsinfekten bei Kindern allerdings als wenig sicher.

Schwächer wird die Evidenz bei der langen Liste weiterer Erkrankungen, die mit Vitamin D in Verbindung gebracht werden: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebsvorbeugung, Depression, Autoimmunerkrankungen, kognitiver Abbau. Bei den meisten davon sind die Zusammenhänge real, die Ursächlichkeit aber unbewiesen. Große randomisierte Studien (insbesondere VITAL, n = 25.871) zeigten nicht, dass eine Vitamin-D-Supplementierung bei Menschen ohne Mangel Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen verhindert.

Die ehrliche Zusammenfassung

Vitamin-D-Mangel ist häufig, leicht nachzuweisen, günstig zu behandeln und hat klare Folgen für die Knochengesundheit. Aktuelle Leitlinien raten jedoch von routinemäßigen Tests bei gesunden Erwachsenen ab, und Vitamin D ist kein Wundermittel, und der Trend zur Megadosierung in der Wellnessszene wird von der Evidenz nicht gestützt.

Welche Werte wirklich zählen

Der Vitamin-D-Spiegel wird als 25-Hydroxyvitamin D (25-OH-D) in ng/ml gemessen. Die Kategorien, die die meisten Labore noch verwenden, stammen aus der Leitlinie der Endocrine Society von 2011:

  • Unter 20 ng/ml: Mangel. Meist wird eine Supplementierung empfohlen; eine Kontrolle nach etwa 3 Monaten zeigt, ob die Dosis wirkt.
  • 21–29 ng/ml: Unzureichend.
  • 30–100 ng/ml: Ausreichend. Allein deshalb ist keine Supplementierung nötig.
  • Über 100 ng/ml: Oberhalb des Bereichs, den die Leitlinie als ausreichend ansah. Supplementierung beenden und mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt besprechen.

Manche Behandelnde streben 40–60 ng/ml an, doch ein Zielwert ist in klinischen Studien nicht belegt, und die Leitlinie der Endocrine Society von 2024 unterstützt bewusst keinen bestimmten Zielwert und keine Grenzwerte mehr. Die Dosierung sollten Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt abstimmen, besonders wenn Sie andere Medikamente einnehmen oder eine Nierenerkrankung haben.

Warum der Breitengrad eine Rolle spielt

Ein großer Teil Mitteleuropas liegt auf hohen Breitengraden – München etwa auf 48° Nord, ungefähr wie Vancouver oder Paris. Etwa von Oktober bis März steht die Sonne in diesen Breiten zu tief für eine nennenswerte Vitamin-D-Bildung in der Haut. Wenn Sie so weit nördlich leben oder die Wintermonate dort verbringen, ist Ihr Vitamin-D-Spiegel im Winter wahrscheinlich niedriger – wie viel Zeit Sie auch im Freien verbringen.

Dennoch raten aktuelle Leitlinien von routinemäßigen Tests bei gesunden Erwachsenen ab, weil Studien nicht gezeigt haben, dass ein Screening die Ergebnisse verbessert. Sinnvoll ist ein Test bei einem konkreten medizinischen Anlass (zum Beispiel auffälligen Calciumwerten) – besprechen Sie das mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. Für manche Gruppen, etwa Erwachsene über 75, Schwangere und Kinder, empfiehlt die Leitlinie von 2024 stattdessen eine Supplementierung ohne vorherigen Test. Wurde der Wert gemessen und ist er niedrig, ist die Behandlung einfach und günstig – eine Einnahme in Tablettenform. Keine Infusion, keine Spritze, keine exotische Darreichungsform. Einfach eine Tablette.

Literatur

  1. Holick MF, et al. Evaluation, treatment, and prevention of vitamin D deficiency. J Clin Endocrinol Metab. 2011;96(7):1911-1930.
  2. Demay MB, et al. Vitamin D for the prevention of disease: an Endocrine Society clinical practice guideline. J Clin Endocrinol Metab. 2024;109(8):1907-1947.
  3. Cashman KD, et al. Vitamin D deficiency in Europe: pandemic? Am J Clin Nutr. 2016;103(4):1033-1044.
  4. Rabenberg M, et al. Vitamin D status among adults in Germany: results from DEGS1. BMC Public Health. 2015;15:641.
  5. LeBoff MS, et al. Supplemental vitamin D and incident fractures in midlife and older adults. N Engl J Med. 2022;387(4):299-309.
  6. Martineau AR, et al. Vitamin D supplementation to prevent acute respiratory tract infections (IPD meta-analysis). BMJ. 2017;356:i6583.
  7. Manson JE, et al. Vitamin D supplements and prevention of cancer and cardiovascular disease (VITAL). N Engl J Med. 2019;380:33-44.
Prof. Dr. med. Markus Guba

Leiter des Bereichs Leberchirurgie und Transplantation am Klinikum der LMU München. Gibt dieses unabhängige Journal privat heraus; die Beiträge geben seine persönliche Auffassung wieder. Über →

Dieser Artikel ist eine allgemeine Information und keine individuelle ärztliche Beratung. Ob eine Untersuchung oder Behandlung für Sie sinnvoll ist, besprechen Sie am besten mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.