Wenn Sie nur einen einzigen Wert Ihrer Gesundheit messen könnten – eine Zahl, die Ihr Sterberisiko aus jeder Ursache mindestens so gut vorhersagt wie Rauchstatus oder Diabetes –, dann wäre Ihre kardiorespiratorische Fitness eine starke Kandidatin. Genauer: Ihre VO₂max.

Das ist keine Spekulation. 2018 zeigte eine in JAMA Network Open veröffentlichte Studie mit mehr als 122.000 Patienten, dass das mit geringer kardiorespiratorischer Fitness verbundene Sterberisiko dem von Rauchen, Diabetes oder koronarer Herzkrankheit gleichkam oder es übertraf. (In dieser Studie wurde die Fitness aus der Laufbandleistung geschätzt und nicht direkt über den Gasaustausch gemessen.) Und anders als die meisten Risikofaktoren lässt sich Fitness in jedem Alter verbessern.

Was die VO₂max tatsächlich misst

Die VO₂max ist die maximale Sauerstoffmenge, die Ihr Körper bei intensiver Belastung verwerten kann. Sie wird in Millilitern Sauerstoff pro Kilogramm Körpergewicht pro Minute (ml/kg/min) angegeben. Der Test erfolgt auf dem Laufband oder Fahrradergometer mit schrittweise steigender Belastung, während Sie durch eine Maske atmen, die den Gasaustausch misst.

Angenehm ist der Test nicht – Sie gehen bis an Ihre Grenze, was etwa 10 bis 15 Minuten dauert. Dafür liefert er die genaueste verfügbare Messung Ihrer kardiovaskulären und metabolischen Leistungsfähigkeit.

Warum sie die Sterblichkeit so gut vorhersagt

Die VO₂max ist nicht nur ein Maß dafür, wie fit Sie im Fitnessstudio sind. Sie spiegelt das Zusammenspiel von Herz (wie viel Blut es pumpen kann), Lunge (wie gut sie Sauerstoff austauscht), Blutgefäßen (wie effizient sie Sauerstoff transportieren) und Muskulatur (wie gut sie ihn verwertet) wider.

Sobald eines dieser Systeme nachlässt – oft Jahre, bevor es in Standarduntersuchungen auffällt –, sinkt die VO₂max. Sie ist gewissermaßen eine einzige Zahl, die den Zustand Ihrer gesamten Sauerstoffversorgungskette zusammenfasst.

Die Zahlen aus der Forschung sind beeindruckend. Jede Steigerung der Fitness um 1 MET (etwa 3,5 ml/kg/min VO₂max) ist mit einer um 13 % geringeren Gesamtsterblichkeit verbunden. In der Studie von 2018 hatten Menschen im fitnessschwächsten Viertel ein etwa fünfmal so hohes Sterberisiko wie die fitteste (Elite-)Gruppe, und mit jeder Fitnessstufe sank das Risiko.

13 %Geringere Sterblichkeit pro MET
122.000Untersuchte Patienten
5×Sterberisiko: geringste vs. Elite-Fitness
In der Studie von 2018 zeigte sich keine Obergrenze des Nutzens. Fit zu sein ist gut. Sehr fit zu sein war besser. Ein Plateau fand sich nicht.

Was Ihr Ergebnis bedeutet

Ihre VO₂max wird mit alters- und geschlechtsspezifischen Perzentilen verglichen. Ein 50-jähriger Mann mit einer VO₂max von 40 ml/kg/min steht gut da. Derselbe Wert läge bei einer 25-jährigen Frau etwa im Durchschnitt oder leicht darüber. Der Kontext zählt – eine Ärztin oder ein Arzt, etwa aus der Sportmedizin, kann einordnen, wo Sie stehen und was das für Ihr Risikoprofil bedeutet.

Wichtig: Die VO₂max ist veränderbar. Anders als Ihr Lipoprotein(a)-Wert, der genetisch festgelegt ist, können Sie Ihre VO₂max in jedem Alter durch passendes Training verbessern. Trainingsstudien zeigen spürbare Verbesserungen innerhalb weniger Monate strukturierten Trainings, auch bei älteren Menschen. Damit ist sie nicht nur ein Risikomarker, sondern auch ein Ansatzpunkt für Maßnahmen.

Für wen ein Test infrage kommt

Die VO₂max wird mittels Spiroergometrie (kardiopulmonaler Belastungstest) gemessen, die in der Regel in sportmedizinischen Praxen, kardiologischen Abteilungen und manchen Leistungsdiagnostik-Laboren angeboten wird. Häufig wird sie mit einer Messung der Griffkraft und einer Analyse der Körperzusammensetzung (BIA) kombiniert, um ein vollständigeres Bild der Fitness zu erhalten.

Standard-Check-ups enthalten selten eine Spiroergometrie. Sie erfordert spezielle Geräte und geschultes Personal. Da Fitness aber einer der stärksten messbaren Prädiktoren für die Sterblichkeit ist, lohnt es sich, danach zu fragen – vor allem, wenn Sie mit dem Training beginnen oder es steigern wollen, kardiovaskuläre Risikofaktoren haben oder einfach einen Ausgangswert für spätere Vergleiche möchten. Ob der Test für Sie sinnvoll ist und ob er unter ärztlicher Aufsicht erfolgen sollte, besprechen Sie am besten mit Ihrer eigenen Ärztin oder Ihrem eigenen Arzt.

Der praktische Nutzen

Ein brauchbares Testergebnis liefert mehr als ein VO₂max-Perzentil: Es sollte in eine konkrete Trainingsempfehlung münden – Häufigkeit, Intensität, Art und Dauer –, abgestimmt auf Ihre aktuelle Fitness und Ihr Risikoprofil. Nicht „Bewegen Sie sich mehr“, sondern „Das ist genau zu tun, und zwar aus diesem Grund“.

Literatur

  1. Mandsager K, et al. Association of cardiorespiratory fitness with long-term mortality among adults undergoing exercise treadmill testing. JAMA Netw Open. 2018;1(6):e183605. doi:10.1001/jamanetworkopen.2018.3605.
  2. Ross R, et al. Importance of assessing cardiorespiratory fitness in clinical practice: a case for fitness as a clinical vital sign. A scientific statement from the American Heart Association. Circulation. 2016;134(24):e653-e699.
  3. Kodama S, et al. Cardiorespiratory fitness as a quantitative predictor of all-cause mortality and cardiovascular events in healthy men and women: a meta-analysis. JAMA. 2009;301(19):2024-2035.
Prof. Dr. med. Markus Guba

Leiter des Bereichs Leberchirurgie und Transplantation am Klinikum der LMU München. Gibt dieses unabhängige Journal privat heraus; die Beiträge geben seine persönliche Auffassung wieder. Über →

Dieser Artikel ist eine allgemeine Information und keine individuelle ärztliche Beratung. Ob eine Untersuchung oder Behandlung für Sie sinnvoll ist, besprechen Sie am besten mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.