Das „biologische Alter“ ist zu einer der am stärksten überverkauften Ideen der Präventivmedizin geworden. Viele Longevity-Kliniken bieten heute drei oder vier verschiedene Tests an, die angeblich verraten, wie alt Ihr Körper wirklich ist. Die meisten davon sind Rauschen. Einige sind tatsächlich nützlich. Bei einem wurde in einer randomisierten kontrollierten Studie gezeigt, dass er auf eine Intervention anspricht. So erkennen Sie den Unterschied.
Warum das kalendarische Alter ein grobes Instrument ist
Das kalendarische Alter – die Zahl der Jahre seit Ihrer Geburt – sagt Krankheit und Tod erstaunlich gut voraus. Es ist schwer zu übertreffen. Aber es ist auch ein Durchschnittswert. Zwei Menschen, die beide 55 Jahre alt sind, können biologisch an ganz unterschiedlichen Punkten stehen. Der eine ist auf dem Weg, 90 zu werden, der andere wird mit 62 eine Herzerkrankung entwickeln. Die kalendarische Zahl unterscheidet nicht zwischen beiden.
Das biologische Alter ist der Versuch, dieses Problem zu lösen. Die Idee: etwas im Körper zu messen, das die kumulative Abnutzung durch das Altern widerspiegelt – und es mit dem Wert zu vergleichen, der für Ihr kalendarisches Alter „zu erwarten“ wäre. Ist Ihr biologisches Alter niedriger, altern Sie langsamer. Ist es höher, altern Sie schneller.
Die Idee ist schlüssig. An der Umsetzung scheitern die meisten Tests.
Warum die meisten Tests zum biologischen Alter Rauschen sind
Die erste Generation solcher Tests kam um 2013 auf. Sie nutzten DNA-Methylierungsmuster – chemische Markierungen auf der DNA, die sich mit dem Altern der Zellen verändern –, um das biologische Alter zu schätzen. Die Mathematik war raffiniert. Die Ergebnisse wirkten beeindruckend.
Das Problem: Niemand hatte gezeigt, dass die Tests über die Zeit reproduzierbar waren oder dass sie in klinisch relevanter Weise auf Interventionen ansprachen.
2024 legte eine Konsensus-Übersichtsarbeit in Nature Medicine dar, wie Biomarker des Alterns validiert werden sollten, bevor man sich auf sie verlässt – eine Hürde, die die meisten kommerziellen Tests nachweislich nicht genommen haben. Schon 2022 hatte eine Analyse in Nature Aging gezeigt, dass verbreitete epigenetische Uhren der ersten Generation für dieselbe Person um mehrere Jahre abweichende Werte liefern konnten, wenn dieselbe Probe zweimal gemessen wurde. Und nur sehr wenige Tests können belegen, dass Änderungen des Lebensstils den Wert tatsächlich verschieben.
Worauf Sie achten sollten
Wurde ein Test zum biologischen Alter nicht in einer Interventionsstudie validiert – verändert sich der Wert also tatsächlich, wenn Menschen ihren Lebensstil ändern? –, dann hat er im Grunde den Informationswert eines Horoskops. Eines teuren Horoskops, aber eben eines Horoskops.
Was DunedinPACE ist – und warum es sich unterscheidet
DunedinPACE wurde von Forschenden der Duke University und der University of Otago entwickelt, auf Grundlage einer der am gründlichsten untersuchten Kohorten der Welt – der Dunedin Study, die eine Gruppe von Neuseeländerinnen und Neuseeländern von der Geburt bis ins mittlere Lebensalter begleitet hat.
„PACE“ steht für Pace of Aging Calculated from the Epigenome. Statt zu schätzen, wie alt Sie sind, misst der Test, wie schnell Sie gerade altern. Ein Ergebnis von 1,0 bedeutet, dass Sie genau ein biologisches Jahr pro Kalenderjahr altern. Ein Ergebnis von 1,2 bedeutet, dass Sie 20 % schneller altern als der Durchschnitt. Ein Ergebnis von 0,85 bedeutet, dass Sie 15 % langsamer altern.
Validiert in einer randomisierten Studie
Das war der entscheidende Beleg, der DunedinPACE als Erstes von den meisten anderen Messgrößen auf diesem Gebiet abhob.
In der CALERIE-Studie – einer zweijährigen randomisierten kontrollierten Studie zur Kalorienrestriktion – wurden gesunde Erwachsene ohne Adipositas entweder einer Reduktion der täglichen Kalorienzufuhr um 25 % oder ihrer gewohnten Ernährung zugeteilt; tatsächlich erreichten die Teilnehmenden nur etwa die Hälfte dieser Reduktion (rund 12 %). Nach zwei Jahren wurde DunedinPACE in beiden Gruppen erneut gemessen. Die Gruppe mit Kalorienrestriktion zeigte ein messbar – wenn auch nur mäßig – langsameres Alterungstempo, um etwa 2–3 %. Andere epigenetische Uhren wie PhenoAge und GrimAge veränderten sich nicht signifikant.
Eine randomisierte Studie ist das stärkste Design, um zu zeigen, dass eine Messgröße auf eine Intervention anspricht. Es bedeutet, dass der Test nicht nur einen momentanen Zustand beschreibt – er misst etwas, das sich tatsächlich in Reaktion auf das eigene Verhalten verändern kann. Noch nicht gezeigt ist dagegen, dass ein verlangsamter Wert zu weniger Krankheit oder einem längeren Leben führt; dafür wären, wie die Autoren selbst anmerken, langfristige Studien mit klinischen Endpunkten nötig.
„Because of its high test-retest reliability, DunedinPACE offers a unique measurement for intervention trials and natural experiment studies.“ (Dank seiner hohen Test-Retest-Reliabilität bietet DunedinPACE eine einzigartige Messgröße für Interventionsstudien und natürliche Experimente.) – Belsky et al., eLife 2022
Man beachte die Wortwahl: Die Entwickler stellen den Test als Forschungsinstrument vor, nicht als etablierten klinischen Test.
Was DunedinPACE aussagen kann – und was nicht
Bei jeder neuen Kennzahl ist die Versuchung groß, sich mitreißen zu lassen. Deshalb lohnt es sich, klar zu benennen, was DunedinPACE bedeutet und was nicht.
Was der Test aussagen kann
- Eine objektive, wiederholbare Messung, wie schnell Sie biologisch gerade altern
- Einen Ausgangswert, der nach Änderungen des Lebensstils erneut gemessen werden kann, um zu sehen, ob diese Änderungen wirken
- Ein Signal, das ein beschleunigtes Altern anzeigen soll, bevor klinische Krankheitszeichen auftreten – ob ihm das beim einzelnen Menschen zuverlässig gelingt, ist allerdings noch nicht gezeigt
- Motivation. Für viele Menschen ist eine Zahl, die sie tatsächlich beeinflussen können, ein starker Hebel für Verhaltensänderungen
Was der Test nicht aussagen kann
- Ob Sie eine bestimmte Krankheit haben. DunedinPACE ist kein diagnostischer Test.
- Welche Maßnahme bei Ihnen am besten wirkt. Es handelt sich um eine zusammenfassende Kennzahl, nicht um eine mechanistische Erklärung.
- Ob Sie länger oder kürzer leben werden als der Durchschnitt. Ein schnelleres Alterungstempo ist mit einer höheren Sterblichkeit verbunden, aber es ist kein Schicksal.
- Was bei einem hohen Wert zu tun ist. Dafür braucht es eine sorgfältige ärztliche Abklärung – kardiovaskuläre Marker, Stoffwechselgesundheit, Lebensstilfaktoren –, die allesamt wichtiger sind als der DunedinPACE-Wert selbst.
Was das Alterungstempo tatsächlich beeinflusst
Die Studienevidenz ist noch begrenzt, weist aber zusammen mit Beobachtungsdaten auf die unspektakulären Grundlagen: ausreichende (nicht übermäßige) Kalorienzufuhr, regelmäßige Bewegung (insbesondere Ausdauer- und Krafttraining), genügend Schlaf, Stressbewältigung und Nichtrauchen. Das sind dieselben Dinge, die die Präventivmedizin seit Jahrzehnten empfiehlt – nur lässt sich jetzt messen, ob sie bei einem einzelnen Menschen wirken.
Für wen der Test infrage kommt – und wie man ihn sinnvoll nutzt
DunedinPACE ist am besten als optionale Ergänzung zu verstehen, nicht als zentraler Vorsorgetest. Wer sich dafür entscheidet, sollte zusammen mit dem Ergebnis eine klare Erläuterung erhalten: was die Zahl bedeutet, was sie nicht bedeutet und wie sie sich zu den übrigen ärztlichen Befunden verhält.
In ein Basis-Vorsorgepanel gehört der Test nicht, denn er ist nicht diagnostisch und steuert die Behandlung nicht so, wie es ApoB oder HbA1c tun. Für Menschen, die eine motivierende, wiederholbare Messung wünschen, ob ihre Lebensstiländerungen tatsächlich wirken, ist er derzeit jedoch eines der am besten validierten verfügbaren Werkzeuge. Wenn Sie den Test erwägen, besprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, was Sie je nach Ergebnis anders machen würden.
Die Alternativen sind schwerer zu rechtfertigen. NAD+-Panels, Telomerlängen-Tests und die meisten kommerziellen „Bio-Age“-Panels erfüllen keine vernünftige Evidenzschwelle. Die Wissenschaft mag aufholen – und beginnt damit: 2025 berichtete die DO-HEALTH-Studie über kleine Effekte einer Omega-3-Supplementierung auf DunedinPACE sowie auf die Uhren PhenoAge und GrimAge2. Derzeit ist DunedinPACE die Messgröße mit der längsten Erfolgsbilanz, in randomisierten Studien auf Interventionen anzusprechen.
Literatur
- Belsky DW, et al. DunedinPACE, a DNA methylation biomarker of the pace of aging. eLife. 2022;11:e73420.
- Waziry R, et al. Effect of long-term caloric restriction on DNA methylation measures of biological aging in healthy adults (CALERIE). Nat Aging. 2023;3(3):248-257.
- Moqri M, et al. Validation of biomarkers of aging. Nat Med. 2024;30(2):360-372.
- Higgins-Chen A, et al. A computational solution for bolstering reliability of epigenetic clocks: implications for clinical trials and longitudinal tracking. Nat Aging. 2022;2:644-661.
- Bischoff-Ferrari HA, et al. Individual and additive effects of vitamin D, omega-3 and exercise on DNA methylation clocks of biological aging in older adults from the DO-HEALTH trial. Nat Aging. 2025;5(3):376-385.
- Poulton R, Moffitt TE, Silva PA. The Dunedin Multidisciplinary Health and Development Study: overview of the first 40 years. Soc Psychiatry Psychiatr Epidemiol. 2015;50(5):679-693.
Dieser Artikel ist eine allgemeine Information und keine individuelle ärztliche Beratung. Ob eine Untersuchung oder Behandlung für Sie sinnvoll ist, besprechen Sie am besten mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.