Das Melanom (schwarzer Hautkrebs) ist die gefährlichste Form von Hautkrebs, aber auch eine der am besten heilbaren – wenn es früh entdeckt wird. Ein dünnes Melanom (weniger als 1 mm tief) hat eine melanomspezifische 5-Jahres-Überlebensrate von über 95 %. Bei einem dicken, ulzerierten Melanom (über 4 mm) sinkt sie auf etwa 82 %, selbst wenn es noch nicht in die Lymphknoten gestreut hat – und weiter, wenn doch. Ein Großteil des Unterschieds zwischen diesen Ergebnissen liegt im Zeitpunkt – und in der Qualität des Werkzeugs, mit dem untersucht wird.

Das Problem mit dem bloßen Auge

Eine gewöhnliche Hautuntersuchung – eine Ärztin oder ein Arzt betrachtet Ihre Muttermale mit bloßem Auge – erkennt Melanome in zusammenfassenden Auswertungen mit einer Sensitivität von etwa 76 %. Das heißt, etwa jedes vierte Melanom wird bei rein visueller Untersuchung übersehen. Bei nicht spezialisierten Ärztinnen und Ärzten (etwa in der Hausarztpraxis beim schnellen „Hautcheck“ während einer Routineuntersuchung) kann die Sensitivität noch geringer sein.

Der Grund: Frühe Melanome können täuschend harmlos aussehen. Die ABCDE-Regel (Asymmetrie, Begrenzung unregelmäßig, Colorit/Farbvariation, Durchmesser > 6 mm, Entwicklung) ist für die Selbstuntersuchung nützlich, übersieht aber kleine, amelanotische (nicht pigmentierte) und noduläre Melanome – oft gerade die aggressivsten Formen.

Was die Dermatoskopie zusätzlich leistet

Bei der Dermatoskopie (auch Auflichtmikroskopie genannt) werden mit einem Handgerät mit polarisiertem Licht und Vergrößerung Strukturen unter der Hautoberfläche sichtbar, die dem bloßen Auge verborgen bleiben. Das ist so, als bekäme die untersuchende Person für jede Hautveränderung ein Mikroskop mit 10-facher Vergrößerung.

Die Evidenz ist konsistent: Eine Metaanalyse von 9 Studien aus dem klinischen Alltag ergab 2008, dass die Dermatoskopie deutlich genauer ist als die Untersuchung mit bloßem Auge. Ein Cochrane-Review von 2018 schätzte für Untersuchungen in der Praxis die Sensitivität auf etwa 92 % mit Dermatoskopie, gegenüber 76 % mit bloßem Auge. Wichtig: Sie verbessert auch die Spezifität (etwa 95 % gegenüber 75 % im selben Review) – es werden also weniger gutartige Veränderungen unnötig entfernt.

Die digitale Dermatoskopie fügt eine weitere Ebene hinzu: standardisierte Fotodokumentation jeder Hautveränderung, die einen Vergleich über die Zeit erlaubt. Ein Muttermal, das für das Auge unverändert aussieht, kann im Dermatoskop feine strukturelle Veränderungen zeigen, die auf eine beginnende bösartige Umwandlung hinweisen.

Ein Screening nicht nur für Hochrisikogruppen

Anders als die meisten Früherkennungsuntersuchungen, die in diesem Journal besprochen werden, ist die Hautuntersuchung auch über klar definierte Hochrisikogruppen hinaus relevant. Melanome können bei jungen Menschen mit geringem Risiko und ohne familiäre Vorbelastung auftreten. Helle Haut und hohe UV-Belastung erhöhen das Risiko, sind aber keine Voraussetzung. Deshalb gehört die Ganzkörper-Dermatoskopie zu den wenigen Untersuchungen, für die häufig ein breites Screening befürwortet wird. Allerdings fehlt randomisierte Evidenz dafür, dass ein Bevölkerungsscreening Melanom-Todesfälle verhindert: Die US Preventive Services Task Force (2023) bewertet die Evidenz als unzureichend. Das Argument für die Dermatoskopie beruht auf der besseren diagnostischen Genauigkeit, nicht auf einem belegten Überlebensvorteil.

Was passiert, wenn etwas gefunden wird

Findet sich bei der dermatoskopischen Untersuchung eine verdächtige Veränderung, ist der übliche nächste Schritt eine Exzisionsbiopsie in örtlicher Betäubung, oft noch beim selben Termin oder kurz danach. Das Gewebe wird feingeweblich (histopathologisch) untersucht; fragen Sie, wann Sie mit dem Ergebnis rechnen können, denn die Bearbeitungszeiten sind unterschiedlich.

Bestätigt sich ein Melanom oder ein anderer Hautkrebs, gehören zu einem guten Ablauf ein vollständiges pathologisches Staging und, wo angezeigt, die Überweisung in die dermatologische Chirurgie oder Onkologie. Es ist sinnvoll, vorab zu fragen, wie Ergebnisse mitgeteilt werden, wer die nächsten Schritte koordiniert und wie die Nachsorge organisiert wird – und mit Ihrer Hautärztin oder Ihrem Hautarzt zu besprechen, in welchen Abständen Sie sich untersuchen lassen sollten.

Literatur

  1. Vestergaard ME, Macaskill P, Holt PE, Menzies SW. Dermoscopy compared with naked eye examination for the diagnosis of primary melanoma: a meta-analysis of studies performed in a clinical setting. Br J Dermatol. 2008;159(3):669-676. PMID: 18616769.
  2. Leitlinienprogramm Onkologie (DKG, DKH, AWMF). S3-Leitlinie Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Melanoms. Version 3.3, Juli 2020. AWMF-Registernummer 032/024OL.
  3. Kittler H, et al. Diagnostic accuracy of dermoscopy. Lancet Oncol. 2002;3(3):159-165.
  4. Dinnes J, et al. Dermoscopy, with and without visual inspection, for diagnosing melanoma in adults. Cochrane Database Syst Rev. 2018;12:CD011902. doi:10.1002/14651858.CD011902.pub2.
  5. Gershenwald JE, et al. Melanoma staging: evidence-based changes in the American Joint Committee on Cancer eighth edition cancer staging manual. CA Cancer J Clin. 2017;67(6):472-492.
  6. US Preventive Services Task Force. Screening for skin cancer: US Preventive Services Task Force recommendation statement. JAMA. 2023. doi:10.1001/jama.2023.4342.
Prof. Dr. med. Markus Guba

Leiter des Bereichs Leberchirurgie und Transplantation am Klinikum der LMU München. Gibt dieses unabhängige Journal privat heraus; die Beiträge geben seine persönliche Auffassung wieder. Über →

Dieser Artikel ist eine allgemeine Information und keine individuelle ärztliche Beratung. Ob eine Untersuchung oder Behandlung für Sie sinnvoll ist, besprechen Sie am besten mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.