Kaum ein Thema der Männergesundheit sorgt für mehr Verwirrung als Testosteron. Soziale Medien sind voll von Kliniken, die versprechen, eine Testosterontherapie bringe Energie zurück, baue Muskeln auf, schärfe den Verstand und verändere das Leben. Weniger gern erwähnen sie die größte randomisierte Studie, die je zu diesem Thema durchgeführt wurde — und was sie ergab.
Die TRAVERSE-Studie: 5.246 Männer, eine klare Botschaft
Die 2023 im New England Journal of Medicine veröffentlichte TRAVERSE-Studie teilte 5.246 Männer im Alter von 45–80 Jahren mit Symptomen eines Hypogonadismus, zwei Nüchtern-Testosteronwerten unter 300 ng/dL und entweder bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung oder hohem kardiovaskulärem Risiko zufällig einer Behandlung mit Testosterongel oder Placebo zu. Die mittlere Nachbeobachtung betrug 33 Monate.
Die Ergebnisse: TRAVERSE sollte die Sicherheit prüfen, nicht den Nutzen. Die Testosteronersatztherapie erhöhte schwere kardiovaskuläre Ereignisse wie Herzinfarkt und Schlaganfall nicht (7,0 % vs. 7,3 %) — senkte sie aber auch nicht, und mehrere schwerwiegende unerwünschte Ereignisse traten in der Testosterongruppe häufiger auf:
- Vorhofflimmern: häufiger in der Testosterongruppe
- Akutes Nierenversagen: häufiger
- Lungenembolie: häufiger
Das sind keine harmlosen Nebenwirkungen. Vorhofflimmern ist die häufigste Herzrhythmusstörung und ein wesentlicher Risikofaktor für Schlaganfälle. Eine Lungenembolie kann tödlich verlaufen. Und diese Schäden traten bei Männern auf, die tatsächlich ein niedriges Testosteron hatten — nicht bei Männern mit normalen Werten, die aus Lifestyle-Gründen behandelt wurden.
Wann eine Testosteronersatztherapie angebracht ist
Das heißt nicht, dass eine Testosterontherapie nie gerechtfertigt wäre. Sie ist es — aber nur in einem bestimmten klinischen Zusammenhang. Die Leitlinien der Endocrine Society sind eindeutig: Eine Testosteronersatztherapie ist angezeigt bei Männern, die sowohl in wiederholten Morgenmessungen nachweislich niedrige Testosteronwerte als auch eindeutige klinische Symptome eines Hypogonadismus haben (Erschöpfung, Libidoverlust, Erektionsstörungen, Muskelabbau, gedrückte Stimmung).
Beides muss vorliegen. Niedriges Testosteron ohne Symptome muss nicht behandelt werden. Symptome ohne bestätigt niedriges Testosteron brauchen kein Testosteron — sie brauchen eine andere Abklärung.
Und „niedrig“ heißt wirklich niedrig — bestätigt in wiederholten morgendlichen Nüchternmessungen anhand eines verlässlichen Laborreferenzbereichs (TRAVERSE verwendete unter 300 ng/dL), idealerweise bestätigt durch freies Testosteron oder berechnetes bioverfügbares Testosteron. Eine einzelne Messung von 310 ng/dL am Nachmittag ist keine Diagnose.
Ein häufiges Muster
Vielen Männern wurde auf Grundlage einer einzigen Messung gesagt, ihr Testosteron sei „niedrig“ — oft am Nachmittag abgenommen, wenn der Testosteronspiegel natürlicherweise am tiefsten ist. Manche erhalten bereits eine Ersatztherapie, die Wellness-Kliniken ohne ordentliche Abklärung verordnet haben. Wenn Ihnen das bekannt vorkommt, lohnt es sich, ärztlich prüfen zu lassen, ob die Diagnose überhaupt stimmte — und falls ja, ob die Behandlung angemessen ist und sicher überwacht wird.
Die „Optimierungs“-Falle
Eine wachsende Branche von Testosteronkliniken vermarktet „Optimierung“ — die Behandlung von Männern mit normalen Testosteronwerten, um diese weiter anzuheben. Die Theorie: Mehr Testosteron bedeute mehr Energie, mehr Muskeln, mehr Vitalität. Die Evidenz sagt etwas anderes.
Bei Männern mit normalem Testosteron gibt es keine guten Belege, dass eine Zufuhr gesundheitliche Endpunkte verbessert. Was sie dagegen bewirkt, ist eine Unterdrückung der körpereigenen Testosteronproduktion (die Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse schaltet ab, wenn Testosteron von außen zugeführt wird). Wer einmal begonnen hat, kann deshalb nur schwer wieder aufhören — die eigene Produktion erholt sich möglicherweise nicht vollständig.
Rechnet man die Sicherheitssignale aus TRAVERSE hinzu, fällt die Nutzen-Risiko-Abwägung einer „Optimierung“ bei Männern mit normalen Werten klar ungünstig aus. Testosteron bei normalen Werten gehört in dieselbe Kategorie wie Infusionstherapien und die meisten Nahrungsergänzungsmittel: Maßnahmen, bei denen das Schadenspotenzial die Belege für einen Nutzen übersteigt (siehe auch Longevity: Wissenschaft und Marketing).
Wie eine ordentliche Abklärung aussieht
Bei Männern mit echten Beschwerden umfasst eine vollständige Hormondiagnostik SHBG, freies Testosteron, DHEA-S, Prolaktin und LH. Sie unterscheidet einen primären Hypogonadismus (Versagen der Hoden) von sekundären (hypophysären) Ursachen und schließt Erkrankungen aus, die einen Testosteronmangel nachahmen (Schilddrüsenstörungen, Depression, Schlafapnoe, Medikamentenwirkungen).
Ist eine Ersatztherapie tatsächlich angezeigt, erfordert sie eine fortlaufende ärztliche Betreuung und Überwachung — einschließlich regelmäßiger Kontrollen von PSA und Hämatokrit, wie von der Endocrine Society empfohlen, sowie der Beachtung des Herz-Kreislauf-Risikos.
Fragen an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt
- Wurde mein Testosteron morgens gemessen, und mehr als einmal?
- Wurden freies Testosteron, SHBG und LH bestimmt, um die Ursache zu finden?
- Wurden andere Erklärungen für meine Beschwerden — Schilddrüse, Schlafapnoe, Depression, Medikamente — ausgeschlossen?
Literatur
- Lincoff AM, et al. Cardiovascular safety of testosterone-replacement therapy. N Engl J Med. 2023;389(2):107-117.
- Bhasin S, et al. Testosterone therapy in men with hypogonadism: an Endocrine Society Clinical Practice Guideline. J Clin Endocrinol Metab. 2018;103(5):1715-1744.
- Snyder PJ, et al. Effects of testosterone treatment in older men. N Engl J Med. 2016;374(7):611-624.
Dieser Artikel ist eine allgemeine Information und keine individuelle ärztliche Beratung. Ob eine Untersuchung oder Behandlung für Sie sinnvoll ist, besprechen Sie am besten mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.