Die Präventivmedizin hat ein Geschlechterproblem. Viele Vorsorgeformate und Risikomodelle wurden rund um ein typisches Patientenprofil entwickelt — männlich, mittleres Alter —, was sowohl widerspiegelt, wer traditionell erforscht wurde, als auch, wer tatsächlich zur Vorsorge kommt. Die Folge: Frauen werden in der üblichen Vorsorge oft unzureichend versorgt. Paradoxerweise profitieren Frauen in der Lebensmitte von einer gründlichen Untersuchung häufig ebenso viel oder mehr als die Männer, für die diese Formate gedacht waren.

Warum die Vorsorge bei Frauen anders ist

Die Vorsorge bei Frauen hat mehrere eigene Dimensionen, die Standard-Check-ups oft schlecht — oder gar nicht — abdecken:

  • Perimenopause (typischerweise 40–55): Der hormonelle Übergang beeinflusst Herz-Kreislauf-Risiko, Knochendichte, Stimmung, Schlaf und Stoffwechsel. Die meisten Frauen durchlaufen ihn mit wenig ärztlicher Begleitung. Bei Frauen über 45 wird die Perimenopause in der Regel anhand der Beschwerden und Zyklusveränderungen diagnostiziert; NICE rät davon ab, dafür Hormontests wie AMH oder Östradiol einzusetzen. Blutuntersuchungen sind vor allem bei jüngeren Frauen oder unklarem Bild sinnvoll — entscheidend ist eine Ärztin oder ein Arzt, die die Beschwerden ernst nehmen.
  • Brustkrebs-Früherkennung: Die Mammografie ist bei dichtem Brustgewebe weniger empfindlich und übersieht dort häufiger Tumoren, besonders bei extrem dichter Brust. Für diese Frauen befürworten radiologische Fachgesellschaften, eine ergänzende Bildgebung wie MRT oder Ultraschall zu erwägen, auch wenn die USPSTF die Evidenz zu ihrem Gesamtnutzen 2024 als unzureichend bewertete. Zusammen mit der Gebärmutterhalskrebs-Früherkennung deckt das den Kern der Brust- und Gebärmutterhalskrebs-Früherkennung ab.
  • Osteoporose: Der Knochendichteverlust beschleunigt sich nach der Menopause drastisch. Eine DEXA-Messung von Wirbelsäule und Hüfte erkennt Osteoporose, bevor es zu einem Knochenbruch kommt; US-Leitlinien empfehlen das Screening ab 65 und bei erhöhtem Risiko schon früher nach der Menopause.
  • Herz-Kreislauf-Risiko: Herz-Kreislauf-Erkrankungen töten mehr Frauen als alle Krebsarten zusammen, doch das Risiko von Frauen wird oft unterschätzt — von Patientinnen wie von Ärztinnen und Ärzten. Herzinfarktsymptome können sich bei Frauen anders zeigen. Marker wie ApoB und Lp(a) sind für Frauen ebenso relevant wie für Männer.
  • Schilddrüse: Frauen entwickeln 5- bis 8-mal häufiger eine Schilddrüsenfunktionsstörung als Männer. Ein TSH-Test (bei auffälligem Wert mit fT4) ist einfach und sinnvoll, wenn Beschwerden auf eine Schilddrüsenstörung hindeuten; ein routinemäßiges Screening beschwerdefreier Frauen wird nicht überall empfohlen, weil sein Nutzen nicht belegt ist.

Gesundheit wird oft geteilt

Viele Risikofaktoren, die in der Prävention zählen — Lebensstil, Ernährung, Schlafgewohnheiten, Stress —, teilen Menschen, die zusammenleben. Und viele der wirksamsten Maßnahmen — Ernährungsumstellung, Bewegungsgewohnheiten, Schlafhygiene — gelingen weit eher, wenn der ganze Haushalt mitzieht. Wenn Sie mit einem Partner oder einer Partnerin zusammenleben, kann es sinnvoll sein, Risikofaktoren gemeinsam zu betrachten und Veränderungen gemeinsam zu planen.

Fragen an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt

  • Welche Früherkennungsuntersuchungen sind in meinem Alter und meiner Menopausenphase fällig — und welche nicht?
  • Wurde mein Herz-Kreislauf-Risiko eingeschätzt, und berücksichtigt der verwendete Rechner frauenspezifische Faktoren?
  • Ist bei dichtem Brustgewebe eine ergänzende Bildgebung für mich sinnvoll?
  • Wann sollte meine Knochendichte gemessen werden?

Eine sorgfältige Familienanamnese über drei Generationen ist für Familien mit Kindern besonders wertvoll — sie deckt erbliche Risiken auf, die die nächste Generation betreffen, und ermöglicht auch für die Kinder rechtzeitige Vorsorgeempfehlungen.

Literatur

  1. Mehta LS, et al. Acute myocardial infarction in women: a scientific statement from the AHA. Circulation. 2016;133(9):916-947.
  2. Panay N, et al. International Menopause Society (IMS) recommendations and key messages on women's midlife health and menopause. Climacteric. 2025;28(6):634-656. doi:10.1080/13697137.2025.2585487
  3. Monticciolo DL, et al. Breast cancer screening for women at higher-than-average risk: updated recommendations from the ACR. J Am Coll Radiol. 2023;20(9):902-914. doi:10.1016/j.jacr.2023.04.002
  4. NICE. Menopause: identification and management. NICE guideline NG23.
  5. US Preventive Services Task Force. Screening for osteoporosis to prevent fractures: recommendation statement. January 2025.
Prof. Dr. med. Markus Guba

Leiter des Bereichs Leberchirurgie und Transplantation am Klinikum der LMU München. Gibt dieses unabhängige Journal privat heraus; die Beiträge geben seine persönliche Auffassung wieder. Über →

Dieser Artikel ist eine allgemeine Information und keine individuelle ärztliche Beratung. Ob eine Untersuchung oder Behandlung für Sie sinnvoll ist, besprechen Sie am besten mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.