Würde ein neues Medikament entdeckt, das das Herz-Kreislauf-Risiko senkt, die Insulinempfindlichkeit verbessert, den Blutdruck senkt, die Immunabwehr stärkt und die geistige Leistungsfähigkeit steigert – ohne Nebenwirkungen –, wäre es die größte Medizin-Nachricht des Jahrzehnts. Dieses Medikament gibt es bereits. Es heißt Schlaf.
Obwohl es starke Evidenz dafür gibt, dass Schlafqualität und Schlafdauer eigenständige Herz-Kreislauf-Risikofaktoren sind, verwenden viele Ärztinnen und Ärzte bei der jährlichen Vorsorgeuntersuchung wenig oder gar keine Zeit auf Fragen zum Schlaf. Das ist einer der folgenreichsten blinden Flecken der Präventivmedizin.
Die Evidenz
Die Schlafdauer folgt beim Herz-Kreislauf-Risiko einer U-förmigen Kurve. Sowohl zu wenig als auch zu viel Schlaf gehen mit schlechteren Ergebnissen einher – doch zu kurzer Schlaf ist bei Berufstätigen weitaus häufiger und oft selbst gewählt.
Eine Metaanalyse von 15 prospektiven Studien mit mehr als 470.000 Teilnehmenden (Cappuccio, 2011) ergab, dass Kurzschläfer ein um 48 % erhöhtes Risiko hatten, eine koronare Herzkrankheit zu entwickeln oder daran zu sterben, und ein um 15 % höheres Schlaganfallrisiko als Menschen mit normaler Schlafdauer. Auch langer Schlaf war mit einem höheren Risiko verbunden – daher die U-Form der Kurve.
Doch die Dauer ist nur ein Teil der Geschichte. Die Schlafqualität – Fragmentierung, schlafbezogene Atmungsstörungen (vor allem obstruktive Schlafapnoe) und Störungen des zirkadianen Rhythmus – könnte sogar noch wichtiger sein.
Schlafapnoe: die verborgene Volkskrankheit
Nach US-Bevölkerungsdaten haben etwa 10–17 % der Männer und 3–9 % der Frauen zwischen 30 und 70 Jahren eine mittel- bis schwergradige obstruktive Schlafapnoe (OSA), mit dem Alter zunehmend; leichtere Formen sind deutlich häufiger. Weltweit haben schätzungsweise 425 Millionen Erwachsene zwischen 30 und 69 Jahren eine mittel- bis schwergradige OSA. Bei Menschen mit metabolischem Syndrom oder Adipositas ist die Häufigkeit noch höher. Vermutlich ist ein großer Teil der Fälle nicht diagnostiziert.
OSA ist nicht einfach Schnarchen. Es handelt sich um wiederholte Phasen, in denen die oberen Atemwege im Schlaf kollabieren – jede davon mit einem Adrenalinschub, einem Blutdruckanstieg und einem Abfall des Sauerstoffgehalts im Blut. Über Monate und Jahre fördert diese nächtliche Stressreaktion Bluthochdruck, Vorhofflimmern, Herzschwäche und Schlaganfall.
Die Schwierigkeit: Die meisten Menschen mit OSA wissen nichts davon. Sie fühlen sich tagsüber vielleicht müde, schieben das aber auf Stress oder das Älterwerden. Partnerin oder Partner bemerken womöglich lautes Schnarchen oder Atemaussetzer, doch viele Menschen schlafen allein. Ohne gezielte Fragen zum Schlaf – insbesondere zu Schnarchen, Tagesmüdigkeit und beobachteten Atemaussetzern – bleibt die Erkrankung unsichtbar.
Ein sinnvolles Vorgehen
Ein guter Präventions-Check-up enthält eine strukturierte Schlafanamnese, nicht nur eine beiläufige Frage. Validierte Instrumente wie der STOP-Bang-Fragebogen erfassen das OSA-Risiko in wenigen Minuten, ergänzt durch Fragen zu Schlafdauer, Schlafqualität und Schlafgewohnheiten.
Die Ärztin oder der Arzt kann die Antworten dann mit der körperlichen Untersuchung in Beziehung setzen: Halsumfang, BMI, Blutdruckverlauf und HbA1c liefern zusätzliche Informationen. Besteht Verdacht auf OSA, ist der nächste Schritt eine ambulante Schlafuntersuchung (Polygraphie) zu Hause oder die Überweisung zur Polysomnographie im Schlaflabor.
Warum das für Menschen in fordernden Berufen besonders wichtig ist
Menschen in leistungsstarken Berufen sind überdurchschnittlich häufig von Schlafproblemen betroffen – unregelmäßige Arbeitszeiten, häufige Reisen über Zeitzonen hinweg (siehe Jetlag und Herz-Kreislauf-Risiko), hoher Stress und eine Kultur, die Schlafmangel als Ehrenabzeichen betrachtet. Wenn das Ihr Berufsleben beschreibt, verdient Ihr Schlaf mit hoher Wahrscheinlichkeit ärztliche Aufmerksamkeit.
Hilfreiche Empfehlungen sind konkret – keine allgemeinen Tipps zur „Schlafhygiene“, sondern Hinweise auf Basis des individuellen Risikoprofils. Besteht Verdacht auf OSA, lohnt es sich, Ihre Ärztin oder Ihren Arzt direkt auf eine Schlafuntersuchung anzusprechen; bestätigt sich die Diagnose, gibt es wirksame Behandlungen (CPAP, Unterkieferprotrusionsschienen oder je nach Schweregrad operative Verfahren).
Literatur
- Cappuccio FP, et al. Sleep duration predicts cardiovascular outcomes: a systematic review and meta-analysis of prospective studies. Eur Heart J. 2011;32(12):1484-1492.
- Benjafield AV, et al. Estimation of the global prevalence and burden of obstructive sleep apnoea: a literature-based analysis. Lancet Respir Med. 2019;7(8):687-698.
- Peppard PE, et al. Increased prevalence of sleep-disordered breathing in adults. Am J Epidemiol. 2013;177(9):1006-1014.
- Javaheri S, et al. Sleep apnea: types, mechanisms, and clinical cardiovascular consequences. J Am Coll Cardiol. 2017;69(7):841-858.
Dieser Artikel ist eine allgemeine Information und keine individuelle ärztliche Beratung. Ob eine Untersuchung oder Behandlung für Sie sinnvoll ist, besprechen Sie am besten mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.